Fischerbach - Zur Nahversorgung des frisch ausgelobten Neubaugebiets Karl-May-Weg III wird die Genossenschaft Bürger-Energie Fischerbach ein bidirektionales Kälte-Wärme-Netz errichten, das auf der Welt einzigartig ist und für das sie auch die Lizenz hat. Noch sind da eine Wiese und ein Acker. Obstbäume reihen sich mit rotem Laub. Doch wenn nach der Ausschreibung der Erschließungsarbeiten für das Fischerbacher Neubaugebiet Karl-May-Weg III (wir berichteten) wie geplant am 10. Dezember der Baustart ist, dann werden nicht nur Schächte für Strom, Telefon und Kanalisation gezogen. Auch die Leitungen für das weltweit erste "bidirektionale Kälte-Wärme-Netz mit Fischerbacher Wärme-Bus-System" werden verlegt.

"Wir fügen mehrere vorhandene Technologien zu einem System zusammen", beschreibt Klaus Schmieder. Nach erfolgreicher Lizenzierung des Systems stellt er als Vorstandssprecher der Genossenschaft Bürger-Energie Fischerbach zusammen mit dem geschäftsführenden Vorstand Andreas Heizmann unserer Zeitung das innovative Versorgungsnetz vor.

Für die Wärme im Eigenheim ist laut Andreas Heizmann die Wärmepumpe, die mit der Hilfsenergie Strom im Fall des Kälte-Wärme-Netzes aus einem Wasser-Sole-Gemisch Wärme erzeugt, heute die Alternative zur herkömmlichen Heizung mit Öl, Gas oder Holz. Mit der Wärmepumpe ist es möglich, dass aus einem Kilowatt Strom mehr als vier Kilowatt Wärme erzeugt werden.

"Bei unserem System verbrennen wir nichts, bekommen die Wärmeenergie zu 75 Prozent aus Umweltenergie wie Erd- und Umgebungswärme und bringen erst im Verbraucherhaushalt die Temperatur auf 65 Grad Celsius", erklärt Klaus Schmieder das System. Sein Namensvetter Dr. Edgar Schmieder, Ingenieur von Energie-Concepte im Technologie Park Villingen Schwenningen, hat dieses System erfunden und wird es mit der Bürger-Energie Fischerbach im Karl-May-Weg III umsetzen und erproben. Gemeinsam mit Erfinder Schmieder hat die Genossenschaft am 27. September 2012 die Lizenz über einen Münchner Patentanwalt angemeldet. Eigentümer der angenommenen Lizenz ist die Bürger-Energie Fischerbach.

Beim sogenannten "bidirektionalen Kälte-Wärme-Netz" entsteht durch die Kombination bereits vorhandener innovativer Technologien ein Heiz- und Kühlsystem, das über ein geschlossenes, nicht isoliertes Leitungsnetz mit einem Eisspeicher verbunden ist. Über eine von der Bürger-Energie für 2500 Euro gestellte, eigentlich 17 000 Euro teure Energiezentrale, auch "Wärmebus" genannt (siehe Grafik oben), wird in den Kellern der 27 Verbraucherhäuser die Wärme produziert. Die wird mittels einer Wärmepumpe aus dem Wasser-Sole-Gemisch des Kälte-Wärme-Netzes gewonnen. Die Technik SmardGrid steuert, dass die Wärmepumpen den Strom bei Schwachlastzeiten kostengünstig aus dem Netz bezieht.

"Bei einem normalen Nahversorgungsnetz gehen 20 bis 25 Prozent der Wärme beim Transport verloren", weiß Klaus Schmieder. Weiter wären für die Umwälzung des einst für Fischerbach geplanten Warmwassernetzes an die 35 000 Euro Energiekosten jährlich angefallen.

Das auf circa 400 000 Euro kalkulierte Kälte-Wärme-Netz im Karl-May-Weg III habe den Vorteil, dass keine Wärmeenergie verloren gehe, die Netzleitungen nicht teuer isoliert werden müssten und dass bei diesem "passiven" Netz nahezu keine Energiekosten für die Umwälzung anfallen.

"Der Eisspeicher funktioniert nach dem selben Prinzip wie ein Handwärmer", setzt Andreas Heizmann fort. Dabei wird die Energie der Kristallisation, die beim Gefrieren zwischen Wasser von null Grad und Eis von null Grad entsteht, durch Wärmetauscher in das Netz eingespeist. Auch mit den vier Jahreszeiten kann der Eisspeicher arbeiten. Im Herbst soll der 290 Kubikmeter fassende Speicher voller Wasser Umgebungstemperatur von circa zehn Grad Celsius haben. Wärmetauscher entziehen dem Wasser dann Wärmeenergie fürs Netz. Dies geht solange, bis am Ende der Heizperiode der Eisspeicher gefroren ist. Im Sommer wird das Eis im Speicher durch Umweltwärme wieder aufgetaut. Die dabei entstehende Kälte kann bei Bedarf die Häuser auch kühlen.

Weil dieses System auch mit anderen alternativen Energiequellen wie Solarthermieanlagen kombinierbar ist, können die Haushalte laut Andreas Heizmann überschüssig produzierte Solarwärme umgekehrt und somit "bidirektional" ins Netz einspeisen. Das wiederum beschleunigt das Abtauen des Eisspeichers und könnte sogar zum Herbst hin die Temperatur des Wassers im Eisspeicher über Umgebungstemperatur auf maximal 40 Grad Celsius erwärmen.

"Wir wollen alle möglichen Wärmequellen nutzen", ergänzt Klaus Schmieder und verweist neben anderen innovativen Einspeis-Technologien wie Wärmeabsorber auch auf die Wärme des Klärstrangs hin. Damit das bidirektionale Kälte-Wärme-Netz selbst bei Tiefsttemperaturen nicht einfriert, soll auch diese Wärme genutzt werden. Und bis man mit Bürgerwindrad und Solarenergie soweit ist, wird mit einem erdgasbetriebenen Blockheizkraftwerk (BHKW) der Strombedarf des Netzes erzeugt.

"Die Energie aus Geo- und Solarthermie, Solarabsorbern, Hybrid-Photovoltaikanlagen, Klärstrang und Eisspeicher ersetzt die Wärme, die in einem klassischen Nahwärmenetz durch Verbrennung mit einer Flamme erzeugt wird", vergleicht Klaus Schmieder und betont, dass Umweltwärme im Gegensatz zu fossilen Brennstoffen nicht bezahlt werden muss und auch die Umwelt nicht belastet wird.

Im Herbst 2013 wird das Netz im Karl-May-Weg III zur "Erprobung" in Betrieb genommen. Wenn sich dieses infolge der Ergebnisse des gesamtkommunalen Quartierskonzepts auch für die Fischerbacher Bestandsgebäude eignet, möchte die Genossenschaft aus dem System-Modell ein Modell-System für Fischerbach machen.

Dafür ist die Bürger-Energie laut Klaus Schmieder, der im Hauptberuf Holzkaufmann für Stora-Enso sowie CDU-Gemeinderat und Geschäftsführer der Sonnenkraftwerke Fischerbach ist, gut aufgestellt. Denn Vorstand Andreas Heizmann bringt als Ingenieur und Geschäftsführer des Bürgerwindrats auf dem Brandenkopf viel technisches Know-How, Stellvertreter Arnold Schmid planerische Kompetenz mit. Und Bürgermeister Armin Schwarz sei als Aufsichtsratsvorsitzender und Vordenker der Nahversorgung wichtiger kommunaler Partner.

Perspektivisch ist die Genossenschaft dabei, sich Partner wie Badenova Concept und das E-Werk Mittelbaden ins Boot zu holen. Denn, sollte alles nach Plan laufen, möchte die Bürger-Energie als Inhaber der Lizenz das Netz mit dem "Fischerbacher Wärme-Bus-System" an interessierte Gemeinden verkaufen.