
Wenn ihr Mann zur Nachtschicht ging, setzte sich Annett Pehlgrimm nicht gemütlich aufs Sofa, sondern an ihren Schreibtisch, denn die Arzthelferin absolvierte ein Fernstudium zur Ernährungsberaterin. „Bei unseren Patientenschulungen zu Bluthochdruck stellte ich fest, dass das Thema Ernährung zu kurz kam”, erinnert sie sich. Ihr Chef und ihre Chefin in der kardiologischen Gemeinschaftspraxis waren von ihrem Engagement so begeistert, dass sie ihr nicht nur die Fortbildung zahlten - immerhin 110 Euro pro Monat -, sondern ihr auch den Rücken freihielten: „Wenn in der Praxis eine Kollegin ausfiel, wurde ich nicht als Vertretung eingeplant”, so Pehlgrimm. Mit ihrer 36-Stunden-Woche war das Fernstudium anstrengend genug. „Wenn ich auf 40 Stunden hätte gehen müssen, wäre es schwierig geworden.”
14 Monate dauert die Weiterbildung bei der Fernschule ILS regulär, und die Teilnehmer sollten mindestens acht Stunden pro Woche investieren. Etliche arbeiten zehn bis zwölf Stunden pro Woche an ihren Studienheften. „Viele sind berufstätig”, sagt Inge Döll-Krämer, die den Lehrgang betreut, „wer sich dann noch aufrafft, ein Fernstudium anzugehen, verdient hohen Respekt.” Die meisten müssten Beruf, Haushalt, Familie und Fernstudium bewältigen: „Das ist nur mit einer strikten Disziplin möglich.” Diese Mehrfachbelastung betrifft vor allem Frauen - und die machen 80 Prozent der Teilnehmer aus.
Deshalb steht ganz am Anfang eine Beratung zur Lernorganisation, bei der eine Grobplanung des künftigen Alltags erstellt wird. Gemeinsam mit den Betroffenen durchforstet Döll-Krämer deren Tagesablauf und ermittelt, wo ein verbessertes Zeitmanagement Freiräume schafft. Dabei muss man den persönlichen Rhythmus berücksichtigen: „Die einen lernen besser morgens, die anderen abends.” Ein weiterer Tipp: „Sie sollten einen festen Arbeitsplatz einrichten, der bereits aufs Lernen einstimmt.”
Auch die Familie sollte die Lernenden unterstützen oder zumindest Verständnis haben. Pehlgrimm beispielsweise hat sich feste Tage eingerichtet: Dienstag, Freitag und am Wochenende war Lesen und Lernen angesagt. „Eine feste Zeit hatte ich nicht, die habe ich flexibel an die jeweilige Situation angepasst.” Ihr Sohn machte damals Abi, wusste also genau, wie es seiner Mutter dabei ging. „Die Einbindung der Umgebung ist enorm wichtig”, bestätigt Döll-Krämer, „denn sie muss sich die neuen Erkenntnisse anhören.” Beim Fernstudium zum Ernährungsberater wird natürlich die Familie anders bekocht, was anfangs Überzeugungsarbeit erfordert. „Auch der Haushalt und andere Arbeiten sollten verteilt werden”, rät Döll-Krämer.