Fastnacht Überangebot statt Brauchtumspflege?
(dpa, lsw), 20.01.2012 11:56 Uhr
Roland Wehrle, Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), hat den "Fastnachts-Tourismus" kritisiert?Foto: dpa
Konstanz - Der Präsident der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN), Roland Wehrle, hat den zunehmenden Fastnachts-Tourismus kritisiert. "Was 1929 in Villingen als eindrucksvolle und politische Demonstration zum Erhalt der Fastnachtsbräuche begonnen hat, ist inzwischen zu einem ritualisierten flächendeckenden Überangebot mutiert", sagte der 63-Jährige in einem Gespräch mit der Nachrichtenagentur dpa. Narrentreffen seien jedoch nicht das Wesentliche der Fastnacht.
Zum großen Narrentreffen der VSAN in Konstanz werden an diesem Wochenende 15.000 Teilnehmer erwartet. Der dem Verband seit 1995 vorstehende Präsident hofft auf eine Rückkehr zu den Wurzeln der Narrentreffen. "Das Wesentliche der Fastnacht ist die Pflege und der Erhalt der örtlichen Fastnachtsbräuche vor der eigenen Kulisse, mit der eigenen Bevölkerung und der eigenen Musik", sagte er. Viele Zünfte seien jedoch gar nicht mehr richtig im Ort verwurzelt.
"Die Fastnacht ist das älteste Volksfest überhaupt und die schwäbisch-alemannische Fastnacht ist ein europaweit einzigartiger Kulturbrauch", ist der VSAN-Präsident überzeugt. "Es gibt hunderte von regionalen Gebräuchen vom Munderkinger Brunnensprung bis zum Stockacher Narrengericht oder der Offenburger Hexenverbrennung." Das Große Narrentreffen der VSAN sei eine Gesamtdarstellung aller 69 Mitgliederzünfte mit ihren Kostümen ("Häser") und Masken.
"Früher trug man in allen katholischen Gegenden in Deutschland ähnliche Häser und Larven (Masken) wie in der schwäbisch-alemannischen Fastnacht", sagt Wehrle. "Um 1850 setzte eine Karnevalisierung der Fastnacht ein, die die Volksfastnacht verdrängte." Tiefpunkt des Niedergangs der Fastnacht sei 1903 gewesen, als es in der Narrenhochburg Rottweil nur noch neun Narren gegeben habe.
Die Gründung des Verbands 1924 in Villingen habe sich gegen die bestehenden Fastnachtsverbote der badischen und württembergischen Regierung gerichtet. "Nach dem Ersten Weltkrieg wollte man die Bevölkerung davon abhalten, unnötig Geld auszugeben. Aber das Bedürfnis nach der Fastnacht war riesig", sagt Wehrle. Die Leute suchten nach einer neuen Identität und besannen sich auf die alten Volksbräuche zurück. Das erste Narrentreffen sei eine politische Demonstration für diese alten Bräuche gewesen.





Mit gutem Beispiel voran gehen
Wenn Herr Wehrle die Flut der Narrentreffen bemängelt, kann dies nur begrüßt werden. Hier sollte dann aber auch die VSAN mit gutem Beispiel vorangehen und selbst die Zahl der Narrentreffen reduzieren oder ganz abschaffen. - Auch sollte die Teilnahmepflicht bei den Narrentreffen abgeschafft werden - als die Freie Narrenzunft Wolfach vor vier Jahren nicht zum Großen Narrentereffen der VSAN fahren wollte, weil deshalb der örtliche Musikerball hätte ausfallen müssen, wurde dies von der VSAN heftig kritisiert und mit Ausschluss gedroht. Das war doch genau das Gegenteil dessen, was Herr Wehrle jetzt fordert: dass durch die Narrentreffen das örtliche Brauchtum nicht leidet.
wo er recht hat, hat er recht....
Eine Rückkehr zu den Wurzeln und eine Eingrenzung des 'Wandertourismus' wäre sicher im Sinne der Tradition. Heute wird die 5. Jahreszeit von manchen nur zum Anlass genommen unkontrolliert Dampf abzulassen, losgelöst vom eigentlichen Brauchtum. Auch in Gemeinden, in denen die Fasnacht keinerlei historische Tradition hat, wird ein riesiger Popanz aufgebaut und über Wochen von Zeitungen über nichts anders mehr berichtet. Es wird selbst dort von manchen fast schon als Affront gewertet, wenn ein Bürgermeister sich nicht dazu hergibt. Weniger ist oft mehr...