Stuttgart - Abends keine Kohlenhydrate essen, dafür fünfmal täglich Obst und immer viel Wasser trinken: Der Ernährungswissenschaftler Uwe Knop hält all diese Regeln für Quatsch. "Essen Sie, worauf Sie Lust haben, und dann, wenn Sie Hunger haben", sagt er.

Herr Knop, wann hatten Sie zuletzt das Gefühl, sprichwörtlich vor Hunger zu sterben?

Ich frühstücke nicht, deswegen kommt das häufiger vor. Je nach Tagesablauf geht es schon aufs Mittagessen zu, bis ich zum ersten Mal was esse und mein Bauch mir signalisiert: Jetzt ist der Hunger wirklich ausgereizt.

Kein Frühstück? Aber damit lassen Sie doch die wichtigste Mahlzeit des Tages aus!

Diese Ernährungsregel können Sie wie jede andere auch in die Tonne treten. Es gibt keinerlei Beweis dafür, dass Frühstück für irgendwen gut oder schlecht ist. Wer morgens keinen Hunger hat, soll sich kein Vollkornmüsli mit vielen Früchten reinzwängen, nur weil das angeblich gesund sein soll. Vertrauen Sie lieber auf Ihren Körper.

Dann essen, wenn man Hunger hat. Klingt selbstverständlich und banal. Trotzdem haben Sie ein ganzes Buch darüber geschrieben.

Ich habe in den vergangenen Jahren über 300 aktuelle Studien zum Thema Ernährung kritisch analysiert, um zu zeigen, dass die Ernährungswissenschaft keinerlei Beweise für irgendwelche Ernährungsregeln liefert. Aussagen wie "Obst ist ein gesundes, Fleisch ein ungesundes Lebensmittel" sind reine Spekulation. Wichtig ist vor allem, den echten Hunger wiederzuentdecken und das zu essen, was einem schmeckt. Jeder Mensch isst anders und sollte seine eigenen Ernährungsregeln finden.

Aber diese Studien, die Sie gelesen haben, wurden doch von Ernährungswissenschaftlern herausgebracht, wie auch Sie einer sind.

Genau deswegen betrachte ich die Studien und die Art, wie sie in den Medien wiedergegeben werden, ja so kritisch. Die meisten Ernährungsempfehlungen basieren auf reinen Beobachtungen und verknüpfen einfach nur statistische Zusammenhänge, die dann aber gern zu Wahrheiten aufgewertet werden.

Geht das etwas konkreter?

Ich konstruiere Ihnen ein stark vereinfachtes Beispiel: 2001 befragen Forscher 100000 Leute zu ihrem Essverhalten. 2011 zeigt sich bei den dickeren Leuten: Statistisch betrachtet, haben sie häufiger in gefütterten Pantoffeln gefrühstückt als die dünnen. Also lautet die Erkenntnis: "Frühstück in gefütterten Pantoffeln macht dick." Das ist absoluter Unsinn. Aber so funktioniert Ernährungswissenschaft: Beobachtungsstudien liefern nur Hinweise und vage Vermutungen für richtiges Essen, aber niemals Beweise. Unsere Gesundheit hängt nicht von einzelnen Lebensmitteln ab, sondern vor allem von unseren Genen, der Umwelt und dem sozialen Gefüge, in dem wir leben.

Warum machen wir uns inzwischen überhaupt so viele Gedanken über unsere Ernährung - statt einfach draufloszuessen?

Wir leben in einem Schlaraffenland. Hochwertige Nahrungsmittel sind in unglaublicher Vielfalt zu günstigen Preisen für fast jedermann und überall erhältlich. Hungernde Menschen in Afrika hingegen würden einen Teufel tun, die ganzen Inhaltsstoffe von Lebensmitteln zu lesen, sie wollen einfach nur ihren Hunger stillen. Wir aber haben über Jahrzehnte unzählige Ernährungsregeln gehört: Fünfmal am Tag Obst und Gemüse essen, Rotwein schützt das Herz, Süßstoff ist besser als Zucker. Diese Regeln haben viele von uns in unserem Kopf abgespeichert, und sie beeinflussen unser natürliches Essverhalten.

 
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