Von Lena Müssigmann Empfingen-Wiesenstetten. Das Warten vor der Sanduhr am PC-Bildschirm ist vorbei. Seit gestern können Haushalte in Wiesenstetten bei ihrem Internetanbieter DSL bestellen. Fünf Jahre lang hat der Ort um die Anbindung ans schnelle Datennetz gekämpft. "Ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer für Wiesenstetten", sagt Peter Schäfer, Gemeinderat aus Wiesenstetten. Schnelles Internet für Wiesenstetter gleicht für die Bewohner des Örtchens einer Revolution, wie es einst die Mondlandung eine war. Am liebsten hätte er gestern Morgen die Fahne vor dem Dorfgemeinschaftshaus gehisst, wie er Bürgermeister Albert Schindler im Jux sagt. Auch Schindler jubiliert: "Wiesenstetten kommt jetzt aus der DSL-Steinzeit in die Ist-Zeit." Die Wiesenstetter surfen künftig 130-mal so schnell wie bisher. Die Übertragungsgeschwindigkeit steigt von bislang 384 Kilobit pro Sekunde auf maximal 50 000 Kilobit oder 50 Megabit pro Sekunde.

"Wegen der Feiertage kann es schon zwei Wochen dauern"

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Für die Kunden ändert sich von alleine aber erstmal nichts. Jeder Haushalt, der vom schnellen Netz profitieren will, muss seinen Internetanbieter kontaktieren – die Nummer ist am schnellsten auf der letzten Rechnung nachzulesen. Wenn dort die Bestellung eingegangen ist, wird ein Servicetechniker losgeschickt, der vor Ort am sogenannten DSLAM-Kasten, der auf dem Parkplatz schräg gegenüber der Kirche aufgestellt wurde, die Freischaltung für diesen Haushalt vornimmt. Johann Speh von der Telekom, zuständig für das Projekt Wiesenstetten, bittet jedoch um etwas Geduld: "Wegen der Weihnachtsfeiertage kann es schon zwei Wochen dauern." Außerdem ist zu prüfen, ob der bisherige Router für die größere Datenmenge geeignet ist. Sonst muss ein neues Gerät mitbestellt werden. Ende der ersten Januarwoche sollten nach Angaben der Telekom die ersten Youtube-Filme stockungsfrei laufen, Internettelefonie ("Voice over IP") möglich sein, schnelle Datenübertragung und Fernsehen übers Internet ("IPTV").

Martin Dietz, Gemeinderat aus Wiesenstetten, ist beim Startschuss dabei und ruft noch am DSLAM-Kasten per Handy die Telekom an. Ja, sagt die Servicemitarbeiterin, soweit sie sehe, könne für Wiesenstetten bis zu 50 Mbit/s schnelles Internet bestellt werden. Damit könnte Dietz der erste Hochgeschwindigkeitssurfer aus Wiesenstetten werden.

Die Bauarbeiten haben von Oktober bis Mitte Dezember stattgefunden. Ein Glasfaserkabel, das bisher am östlichen Ortsrand in der Rudolf-Diesel-Straße endete, wurde um 2,5 Kilometer nach Wiesenstetten verlängert und endet im DSLAM-Kasten. Hier wird das Lichtsignal aus dem Glasfaserkabel wieder in ein elektrisches Signal umgewandelt und auf den herkömmlichen Kupferkabeln an die Haushalte verteilt.

Die gesamte Maßnahme hat laut Speh 220 000 Euro gekostet. Die Telekom selbst hat 150 000 Euro investiert, diese Summe trägt sich wirtschaftlich, wenn wie erwartet etwa 70 Prozent der 160 Haushalte in Wiesenstetten das schnelle Internet nutzen. Die Gemeinde hat das fehlende Geld beschafft, indem sie selbst 43 000 Euro dazugegeben hat, und Landeszuschüsse in Höhe von 28 000 Euro generieren konnte.

Seit dem Beginn der "unendlichen Geschichte DSL für Wiesenstetten", wie Schindler sagt, hätten sich im Rathaus fünf Ordner mit Unterlagen zum Thema gesammelt. Die 2007 angedachte Funklösung wurde verworfen, weil sie im Dorf nicht gewollt war. 2009 hat die Gemeinde ihre Ausschreibung zurückgezogen, weil die Angebote nicht den Vorstellungen entsprachen.

Auch wenn Schindler zugibt, in Sachen Internet nicht sonderlich bewandert zu sein, ist er sich sicher: "Die Attraktivität von Wiesenstetten müsste jetzt gesteigert sein."

Alexander Lacher (40), Kfz-Sachverständiger, arbeitet gelegentlich auch von zuhause aus. "Es dauert bis zu zehn Minuten, um sich auf dem Geschäfts-Server einzuloggen. Ich habe daher das schnelle Internet schon sehnsüchtig erwartet."

Sandra Dettling (36), Hausfrau, ärgert sich über lange Ladezeiten, wenn sie im Internet Fotobücher gestaltet. "Wir zahlen schon seit Langem den Preis für das DSL-Paket, anscheinend gibt es nichts günstigeres", sagt sie. Jetzt komme endlich die entsprechende Leistung dazu.

Daniela Lohmiller (38), Hausfrau, nutzt Wartezeiten: "Bis die Internetseiten geladen sind, mache ich am Schreibtisch immer meine Ablage."

Die Schülerinnen Katrin Wenz und Jasmin Dittmann (beide 17) werden in ihren Familien das schnelle Internet bestellen. "YouTube-Videos anzuschauen ging bisher gar nicht", sagt Jasmin Dittmann, "man klickt einen Film an, wartet fünf Minuten und kann dann 30 Sekunden den Film schauen." Dann beginne alles wieder von vorn.