Stuttgart - Kaum ein Surren ist zu hören. Dabei sind auf dem Cannstatter Wasen zwei Autos unterwegs. Eines der beiden Mercedes-Fahrzeuge ist mit Elektromotor, das zweite zusätzlich mit einer Brennstoffzelle ausgerüstet. Umweltfreundlich – und leise. Die rund 70 Blinden und Sehbehinderten, die gekommen sind, trauen ihren Ohren nicht. Im Alltag hätten sie keine Chance, die Gefahr auf der Straße zu erkennen.

„Man hört absolut nichts“, sagt Thomas Stetter von der Stuttgarter Regionalgruppe des Vereins Pro Retina, in dem sich Menschen mit Netzhautdegeneration zusammengeschlossen haben. Er hat das Treffen auf dem Wasen organisiert. Nicht nur, damit Blinde dort in zwei Fahrschulwagen selbst Auto fahren können, sondern auch, um die Risiken der Flüsterautos neuester Generation aufzuzeigen. Daimler hat dafür die beiden Wagen zur Verfügung gestellt.

„Diese Fahrzeuge sind eine tolle Ingenieursleistung“, sagt Stetter, „aber man bemerkt sie höchstens, wenn sie über einen Gullydeckel rumpeln.“ Das bedeute nicht nur für Blinde ein Problem. „Betroffen ist jeder Fußgänger, die Oma genauso wie der Nachwuchs mit dem Schulranzen“, so Stetter. Auch wenn diese Technologien erst nach und nach auf den Markt kämen.

Unverkennbares Geräusch gewünscht

Speziell Blindenverbände kämpfen deshalb seit Jahren dafür, eine Lösung zu finden. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) hat bereits vor gut zwei Jahren einen Forderungskatalog an die Bundeskanzlerin geschickt. Darin wird unter anderem ein unverkennbares Geräusch gewünscht, das anzeigt, ob ein Fahrzeug beschleunigt, bremst oder steht. Gefordert wird eine weltweite Gesetzgebung, die auch für Elektrofahrräder oder Segways gilt. Im Dezember soll auf einer Tagung in Berlin unter Beteiligung der Verbände über das Problem gesprochen werden.

Derzeit werde in einer Gruppe der Vereinten Nationen an einer internationalen Lösung gearbeitet, die aber wohl noch eine Weile auf sich warten lasse, sagt Hans Kaltwasser vom DBSV. Deutlich weiter sind die USA: Dort hat Präsident Barack Obama Anfang 2011 ein Gesetz unterschrieben, das die Fußgängersicherheit verbessern soll. Vorgeschrieben wird ein charakteristisches Geräusch für Elektrofahrzeuge. „Derzeit wird an den speziellen Standards gearbeitet“, sagt Christopher Danielsen vom amerikanischen Blindenverband in Washington.

„Wir werden uns alle anpassen müssen“

Für die Hersteller bedeutet das, dass sie in Zukunft zweigleisig fahren müssen. Daimler hat bereits reagiert. Für den neuen Elektro-Smart „haben wir ein Soundmodul entwickelt, das man auch in Deutschland optional einbauen lassen kann“, sagt Sprecher Matthias Brock. Dabei soll es bis zu einer Geschwindigkeit von 30 km/h ein Geräusch geben, das danach abschaltet, weil dann ohnehin Wind- und Abriebgeräusche überwiegen. Generell sehe man eine große Chance darin, durch E-Fahrzeuge gerade in Städten auch Lärm zu vermeiden. Ein Geräusch sei aber dennoch nötig – auch im Innenraum als Rückmeldung für den Fahrer.

Neue Sicherheitssysteme, die Hindernisse auf der Straße erkennen und das Auto abbremsen, können laut Brock ein zusätzlicher Baustein sein. Allein auf solche Lösungen wollen sich aber auch die Verbände nicht verlassen: „Was ist, wenn ein solches System versagt?“, fragt Hans Kaltwasser.

Auf dem Wasen ist die Übungsstunde beendet. „Niemand braucht Angst vor diesen neuen Technologien zu haben“, sagt Stetter, „aber wir werden uns alle anpassen müssen.“ Die Hersteller allerdings auch.