Ebhausen-Rotfelden - "Ich bin immer noch nicht in der Realität angekommen", sagt Wilhelm Breitling – der Mann, der in der Nacht zum 31. Januar durch ein verheerendes Feuer den Kamelhof Rotfelden, sein Lebenswerk, verloren hat. Zu jung sind noch die Ereignisse, die zum Verlust von 87 Tieren geführt haben, 86 Kamele und Dromedare und ein Lama.Um zwei Uhr nachts klingelte das Telefon, das bei Breitling immer auf dem Nachttisch steht. Stunden zuvor hatte er noch den gesamten Stall kontrolliert und sich versichert, dass alles in Ordnung ist. Ein Bekannter, der sich des Nachts um sein Kind kümmerte, hatte die Flammen gesehen und sofort die Feuerwehr alarmiert. Der zweite Anruf galt Wilhelm Breitling. "Ich habe nicht lange überlegt, ich habe mir nichtmal Socken angezogen." Sofort machte er sich auf zum Hof, der bei seiner Ankunft schon lichterloh brannte. Es gab schon Notfall-Übungen mit den Tieren für diesen Fall, aber das Feuer war zu weit fortgeschritten. "Von meiner Position konnte ich ins Innere des großen Stalles blicken. Da lagen bereits alle Tiere auf dem Boden".

"Wilhelm komm da weg, komm da weg, du verbrennst auch", so klang der besorgte Ruf des Feuerwehrkommandanten Benjamin Ungericht, der in diesem Augenblick mit seiner Mannschaft eintraf. Da fiel Breitling ein, dass in einem anderen Stall 19 Tiere stehen, die vielleicht noch zu retten sind. Runter zum Stall, man konnte hinein sehen, einige Tiere lebten noch, doch die Hitze hatte bei einigen schon das leicht brennbare Fell der Höcker in Brand gesetzt. "Oh Gott helft den Kamelen", rief Breitling verzweifelt. Ein Feuerwehrmann mit Atemschutz konnte das Tor öffnen. Die noch lebenden Kamele gelangten ins Freie. Trotz der akuten Lebensgefahr blieben die Tiere ruhig. Breitling rief ihnen zu. Der vertrauten Stimme folgend trabten sie an der riesigen Feuersbrunst entlang zu einem Freigehege, trabten in Sicherheit. Es hätte auch Platz für alle anderen Tiere gehabt.

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Jetzt erst erkannte Breitling, dass auch das Bürogebäude in Gefahr war, die Computer, alle Daten. Er rannte wieder hoch, doch Kommandant Ungericht hielt ihn auf – zu gefährlich. Man hörte schon die ersten Hitzeexplosionen im Gebäude.

Zwei Wochen sind seitdem vergangen. Bis heute ist ungeklärt, was der Auslöser für den Brand war. "Die Polizei untersucht alle möglichen Brandherde im Labor, erst in drei Wochen ist mit den ersten Ergebnissen zu rechnen", so Breitling zum Stand der Ermittlungen.

So tragisch die Ereignisse in dieser kalten Januarnacht waren, so rührend ist, was danach passierte. "Wir bekamen Anrufe aus der ganzen Welt: Schweiz, Ungarn, aus Bulgarien, Israel. Über 400 E-Mails sind bei uns eingetroffen. Alte Schulkameraden haben mich kontaktiert", erklärt Breitling. Viele Kinder haben nach einzelnen Kamelen gefragt: "Lebt Paul noch?" Die Frage im Brief eines Kindergartenmädchens. "Wie viel die Kamele den Menschen bedeuten, sah man auch daran, dass es nicht einmal eine viertel Stunde gedauert hat, bis alle Kamelpaten die Namen der Tiere wieder zusammen hatten".

Ausmaß der Anteilnahme ist ergreifend

Hans-Joachim Fuchtel, Staatssekretär und Ehrenpräsident des Kamelvereins Fatamorgana traf noch am Samstag nach den Geschehnissen ein und bot seine Unterstützung an: "Er hat mir direkt seine private Handynummer dagelassen." Das Ausmaß der Anteilnahme der Menschen aus der Region und weit darüber hinaus ist ergreifend.

Pfarrer Trumpp hat für die engsten Angehörigen des Hofes, Mitarbeiter, Kamelpaten und Familie in einem Gottesdienst Trost gespendet. Ein Steinmetz hat seine Hilfe beim Errichten einer Gedenktafel an die verstorbenen Tiere angeboten. Einige Tiere hatten damals den Tag der offenen Tür seiner Firma zu etwas Besonderem gemacht.

Aber was soll jetzt werden? Mit 75 Jahren will Wilhelm Breitling den Hof nicht wieder alleine aufbauen. Aber die Vision, der Glaube an das Projekt ist noch lange nicht tot. Bei aller Tragik der Ereignisse hat der erfahrene Mann seinen Idealismus noch nicht aufgegeben. Im Gespräch über einen möglichen Wiederaufbau in Form eines gemeinnützigen Vereins wird klar, dass der Wille noch da ist. "Seit 2001 haben wir jemanden gesucht, der den Hof nach unserer Vorstellung weiterführt, aber alle der ungefähr 20 Interessenten haben die Kommerzialisierung in den Fokus gerückt. Doch der Kommerz darf nicht im Vordergrund stehen", erklärt Breitling seine Idee. Auch die Art der Pflege hätten viele nicht verstanden. Keine Nasenringe keine Stöcke. Der Respekt vor den Tieren stehe im Vordergrund. Die Methoden, die Breitling einsetzte, waren weltweit einzigartig – und erfolgreich: "Eine Ägyptische Delegation konnte es fasst nicht glauben, wie ruhig die Tiere bei uns sind."

Sollte sich ein Verein mit engagierten Menschen gründen lassen, der die Ideale Breitlings weiterführt, stehe er mit Rat und Tat zur Seite – so lange er kann. "Ich werde alle Grundstücke und Gebäude, die noch da sind, zur Verfügung stellen. Außerdem werde ich gern mein Wissen, das ich in 40 Jahren angesammelt habe, weitergeben", so der 75-Jährige. Allerdings müssten auch bestehende Schulden übernommen werden, denn Gewinne ließen sich mit dem Hof nur schwer erwirtschaften. Aber eines ist sicher: "Wir werden nie wieder so einen Stall bauen. Die Bilder aus dieser Nacht werde ich nie vergessen." Breitlings Stimme bebt. Angedacht sind verschiedene Stallungen mit genügend Abstand und höchstens 20 Tieren pro Stall.

Am 8. März findet die Hauptversammlung des Kamelvereins statt. Dann wird sich herausstellen, ob es eine Zukunft für den Hof gibt. Sollte es tatsächlich soweit kommen, dass der Hof nicht wieder aufgebaut würde, will Breitling sich um seine fünf verbleibenden Kamele kümmern: "Ludmilla, Puschkin, Andrea, Dana und Emir geht es soweit gut. Puschkin macht schon wieder Bocksprünge."