
Ehingen - Es ist die erste Pressekonferenz der Drogeriemarktkette Schlecker seit 1990. Doch nicht Anton Schlecker, dessen Lebenswerk zu scheitern droht, sondern Tochter Meike stellt sich am Firmensitz in Ehingen als Einzige aus der Familie den Fragen der Medien. Die junge Frau im schwarzen Hosenanzug mit grauem T-Shirt sieht blass aus. Mit unbewegtem Gesicht lässt sie das Blitzlichtgewitter der Fotografen über sich ergehen. Ihre Stimme ist fest. „Wir denken nicht daran, das Unternehmen als Ganzes zu verkaufen“, sagt die 38-Jährige kämpferisch. „Mein Vater hat das Unternehmen gegründet, hat es groß gemacht und Arbeitsplätze geschaffen, und er hat sein volles Vermögen eingebracht.“
Gerüchte, wonach die Familie auf einem Milliardenvermögen sitze und Hunderte Millionen zur Seite geschaffen habe, ärgern Meike Schlecker. „Das Vermögen meines Vaters war immer das Unternehmen“, sagt sie. Verluste seien durch Privateinlagen finanziert worden. „Mein Vater hat alles in die Firma eingebracht.“ Jetzt sei kein signifikantes Vermögen mehr da. „Sonst hätten wir die Insolvenz nie angemeldet.“ Auch ihr Bruder Lars Schlecker und sie selbst hätten einen großen Teil des eigenen Vermögens in die Firma gesteckt, „weil wir an die Zukunft der Firma glauben“.
Anton Schlecker hat sein Unternehmen in der Rechtsform als eingetragener Kaufmann (e. K.) geführt, damit haftet er als Einzelunternehmer mit seinem Privatvermögen. Mit der Insolvenz der Schlecker e. K. geht somit die Privatinsolvenz von Anton Schlecker einher. „Sein tiefes unternehmerisches Verständnis war, dass er als Unternehmer auch die Konsequenzen zu tragen hat, wenn er scheitert“, sagt der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz. „Bankverbindlichkeiten gibt es nicht“, sagt Schlecker-Finanzvorstand Sami Sagur. Am Ende seien es Lieferantenschulden in zweistelliger Millionenhöhe gewesen, die letztlich die Insolvenz ausgelöst hätten.
Tag sieben der Insolvenz
Die Pressekonferenz findet am Tag sieben nach dem Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens statt. Insolvenz haben die Anton Schlecker e. K. (24 298 Mitarbeiter), die Schlecker XL-Märkte (2427 Mitarbeiter), die Schlecker Home Shopping (38) und die Tochter Ihr Platz (5840) angemeldet. Damit sind 32 603 Mitarbeiter in Deutschland von der Insolvenz betroffen.Die Auslandsgesellschaften sind nicht von Insolvenz bedroht, „die Ländergesellschaften sind profitabel“, so Meike Schlecker.
Die Unternehmensgruppe habe die Umstellung auf das neue Modernisierungskonzept zu spät begonnen. „Es kam zu spät und einen Tick zu langsam“, sagt Meike Schlecker. Dennoch sei die Familie vom Erfolg der Restrukturierung überzeugt. „Es ist bitter, so kurz vor dem Ziel so vehement gestoppt zu werden“, sagt Schlecker. Die Familie wolle das Unternehmen als Ganzes weiterführen und so viele Arbeitsplätze wie möglich retten. Auch Geiwitz betont: „Ich bin für die Zerschlagung des Konzerns nicht zu haben.“
Die Industrie hat nach Einschätzung von Geiwitz ein „großes Interesse“ am Fortbestand der Drogeriemarktkette. Die großen Lieferanten Henkel, Unilever, Procter & Gamble sowie Beiersdorf beliefern die 6000 Filialen wieder. Der Insolvenzverwalter verschafft sich derzeit einen Überblick über die Lage der Gruppe. Geiwitz ist vom Amtsgericht Ulm zum sogenannten vorläufigen starken Insolvenzverwalter ernannt worden. Damit darf er über das Vermögen der insolventen Unternehmen verfügen. Damit darf er die Mieten an die rund 6000 Vermieter der Schlecker-Filialen zusagen. So lässt sich verhindern, dass Schlecker die Filialen abhandenkommen. Das Insolvenzgericht wird vermutlich Ende März/Anfang April entscheiden, ob es dem Antrag auf eine Planinsolvenz nachkommt. „Ich stehe dem positiv und offen gegenüber“, sagt Geiwitz. Auch der Wunsch Anton Schleckers, dass sein Unternehmen auf die nächste Generation übergeleitet werde, sei „grundsätzlich machbar“.
Mehr Filialen als die Wettbewerber zusammen
Der größte Vorteil von Schlecker gegenüber seinen Wettbewerbern sei die sehr gute Nahversorgung, sagt Geiwitz. Schlecker habe mehr Filialen als alle Wettbewerber in Deutschland zusammen. Wie viel investiert werden müsse, um die Geschäfte zu modernisieren, kann Geiwitz noch nicht sagen. Ebenso wenig wie viele Filialen noch geschlossen und wie viele Arbeitsplätze deshalb abgebaut werden müssten. Auch die Frage, wie der Finanzierungsbedarf gedeckt werden könne – ob beispielsweise durch einen Investor –, bleibt vorerst unbeantwortet.
Einen Neustart unter geändertem Namen lehnt Meike Schlecker ab. Sie ist verwundert, dass Schlecker noch so ein schlechtes Image habe. „Wir haben das Unternehmen geöffnet, arbeiten konstruktiv mit der Gewerkschaft Verdi zusammen, haben 1050 Betriebsräte und zahlen mit die höchsten Gehälter im deutschen Einzelhandel“, zählt sie auf. Warum sie allein zur Pressekonferenz gekommen ist, wird sie am Ende gefragt. Das habe ganz praktische Gründe, antwortet sie. „Wir haben gerade wahnsinnig viel zu tun.“ Ihr Bruder und sie würden sich die Aufgaben teilen.
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