Dornstetten Die Gesellschaft braucht sie alle beide
Schwarzwälder-Bote, 26.06.2012 20:11 Uhr
Sechs Fachleute im Gespräch: Beim Tag der offenen Tür der Kindergärten in der Alten Volksschule sprachen (von links) Klaus-Ulrich Röber, Bernhard Haas, Esther Lang, Anja Bauer und Birgit Thüringer unter Moderation von Edwin Benner über Inklusion und Sonderschulpädagogik. Foto: EberhardtFoto: Schwarzwälder-Bote
Dornstetten. "Einfach Spitze" klang es durch den Dornstetter Bürgersaal. Gemeinsam mit dem städtischen Kindergarten hatte der Sprachheilkindergarten der BruderhausDiakonie zum Tag der offenen Tür eingeladen, der von den Kindern charmant musikalisch eröffnet wurde.Beide Einrichtungen befinden sich in Dornstetten unter einem Dach – eine ideale Konstellation, um das aktuellen Thema Inklusion aufzugreifen. Bei einer Talkrunde hatte der Sprachheilkindergarten unter Moderation von Edwin Benner, Leiter des Jugendhilfeverbunds Kinderheim Rodt, BruderhausDiakonie, eingangs zu einer Diskussion eingeladen, an der neben Bürgermeister Bernhard Haas auch erster Landesbeamter Klaus-Ulrich Röber, die Leiterin des staatlichen Schulamts, Anja Bauer, die Leiterin der Brüder-Grimm- Schule Glatten, Esther Lang, sowie Elternvertreterin Birgit Thüringer teilnahmen.
Inklusion als Annahme des andersartigen Menschen einerseits, Förderung unterstützungsbedürftiger Menschen durch Sonderschulpädagogik andererseits – bei der Diskussion wurde deutlich: Die Gesellschaft braucht offenbar beides. "Wir stehen noch sehr am Anfang", analysierte Klaus-Ulrich Röber auf die Frage, wo man sich in Sachen Inklusion derzeit befindet. Für ihn ist das Erziehungsrecht der Eltern ein wichtiger Aspekt in diesem Prozess. Denn ob diese Inklusion alle wollten, sei nicht gesichert. Einen positiven Akzent setzte Anja Bauer bei der Frage, wie die Integration beeinträchtigter Menschen verbessert werden könne. "Es bewegt sich sehr viel, und wir sind froh darüber", betonte Bauer. Technologie leiste große Hilfe bei der Eingliederung. "Doch das kostet sehr viel Geld."
Inklusion um jeden Preis scheint von Fachleuten gar nicht angestrebt zu werden. Benner schilderte Ängste von Pädagogen und Eltern, die mit der Inklusion eine Entwicklungsbremsung für weiter fortgeschrittene Schüler befürchten. "Es gibt Grenzen der Integration", bestätigte Bauer und brach eine Lanze für das Feld der Sonderschulpädagogik. Manche Kinder benötigten diesen Schonraum. "Eine zeitlich befristete Sonderpädagogik kann entwicklungsmäßig einen großen Effekt haben", betonte Bauer. Eine Aussage, der sich Birgit Thüringer anschloss. Sie berichtete von aktiven Kindern, die sich zurückziehen, wenn sie durch ihre Sprachbeeinträchtigung an den Rand geraten. Im Sprachheilkindergarten habe ihre Tochter Persönlichkeit entwickeln können.
Für Bernhard Haas leisten der Sprachheilkindergarten und die sonderpädagogischen Einrichtungen in Dornstetten einen großen Beitrag zur Attraktivität der Stadt. Dass sich im Umland ein beachtliches Kompetenzzentrum entwickelt, zeigte sich, als Esther Lang von Initiativen und Kooperationen der sonderpädagogischen Einrichtungen mit Schulen und Wirtschaftseinrichtungen berichtet.
Den Kindern in der alten Volksschule schien es aber herzlich egal zu sein, zu welchem Teil von Pädagogik und Gesellschaft sie gerechnet werden. Begeistert tobten die Bewohner nach der Talkrunde durchs Haus und zeigten den Gästen ihr Reich. Und bei den angeregten Unterhaltungen auf den Fluren stellte sich heraus: Über Inklusion muss man nicht immer reden – man kann sie manchmal auch einfach leben.


