Dietingen Junge Flüchtlinge: Anwohner haben Sorgen

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Der Schein trügt. Das ehemalige Zweifamilienhaus wurde in mehrere Wohneinheiten umgebaut. Foto: Schmidt

Dietingen - Seit Jahren wird in einem Dietinger Wohngebiet eine Gastarbeiter-Unterbringung betrieben. Nun überlegt der Kreis, etwa 22 junge Asylbewerber einzuquartieren. Anwohner machen sich Sorgen.

Die Eichenstraße liegt in einem schmucken, ruhigen Wohngebiet in Dietingen. Entlang des schmalen Sträßchens reihen sich hübsche Gärten und Häuser an­ein­ander. Und nichts lässt auf den ersten Blick erkennen, dass es sich nicht um ein ganz normales Wohngebiet in ländlicher Idylle handelt. Auch nicht das gelbe Doppelhaus mittendrin.

Erst auf den zweiten Blick wirkt es verwahrloster als seine Umgebung. Manchmal türmen sich ganze Müllberge um das Haus, erzählen die Nachbarn. Nur eine schwarze Tonne steht vor dem großen Gebäude, eine weitere sei nie gesichtet worden, auch keine blaue. Dabei leben zeitweise mehr als 20 Ausländer in nur einer der Doppelhaushälften.

Die Anwohner sind nicht ausländerfeindlich. Es bestehe die gesetzliche Pflicht, Asylbewerbern Unterkunft zu gewähren. "Wir helfen auch gerne", reagieren sie auf Nachfrage. Mit den Familien aus Syrien und dem Irak, die bereits im Ort untergekommen seien, habe man nur positive Erfahrungen gemacht. Und es lebe sich im guten Miteinander. Die Kinder wären sogar befreundet und fahren zusammen Schlitten.

Würden in das Doppelhaus asylsuchende Familien einziehen, könnten sie sich der Unterstützung der Nachbarn sicher sein. Doch im Doppelhaus sollen keine Familien einziehen.

Vom Eigentümer des Doppelhauses sei die linke Haushälfte in kleinere Wohneinheiten umgebaut worden, erzählen die Anwohner. Fast jedes Appartement verfügte über eine Nasszelle und eine Küchenzeile. Untergebracht seien Gastarbeiter. Eine Genehmigung sei für eine "gewerbliche Vermietung" nie erteilt worden, sind sich die Anwohner sicher.

Küchenzeilen ausgebaut

Auf ihre Einsprüche hin, wären die Küchenzeilen ausgebaut und in die Garage verfrachtet worden. Zumindest sei ihnen das erzählt worden. Ob es stimme, wissen sie nicht. Auch wurde ihnen berichtet, dass nun ein Gemeinschaftsraum und eine Küche eingerichtet worden seien, um "den Anschein einer Wohngemeinschaft" zu erwecken.

Irre führen wollen sie sich dennoch nicht lassen. Das ständige Kommen und Gehen – manche Arbeiter wären nur für zwei Wochen im Haus – habe mit einer Wohngemeinschaft, die auf Dauer angelegt sei, nichts zu tun. An das Landratsamt habe man bereits ein Schreiben geschickt, dass das Doppelhaus gewerblich genutzt würde. Und auch Bürgermeister Frank Scholz wurde mehrmals über die Umstände informiert.

Neben der rechtlichen Seite bewegt die Nachbarn ebenso eine emotionale. In Hochzeiten würden in der einen Hälfte des dreistöckigen Hauses drei bis vier Männer pro Zimmer wohnen. Die Straße sei zugeparkt, und oft würde gemeinsam getrunken. Die Lärmbelästigung sei dann enorm. Ein Anwohner habe sich sogar bereit gezeigt, das Haus zu erwerben, aber der Eigentümer habe abgelehnt.

Inzwischen wurde der Kreis, auf der Suche nach geeigneten Unterkünften für asylsuchende Jugendliche, vom Eigentümer auf das Gebäude aufmerksam gemacht. Das bereitet den Anwohner noch mehr Sorge. "Hier wohnen viele Kinder, vor allem Mädchen", drücken sie ihre Angst vor Übergriffen aus. Die Jugendlichen seien zwischen 16 und 18 Jahren, informiert Sozialdezernent Bernd Hamann. Sie flüchteten ohne ihre Eltern aus Afghanistan, Syrien und Afrika und befinden sich schon seit dem vergangenen Jahr im Kreis. Für unbegleitete minderjährige Jugendliche, kurz "Uma" genannt, gelten Jugendhilfestandards. Mithin müssen sie in betreuten Verhältnissen untergebracht werden.

Prüfung des Hauses

Insgesamt vergrößerte sich die Zahl der "Uma" im vergangenen Jahr von zwei auf 100, berichtet Hamann von einer Mammutleistung, entsprechende Unterkünfte zu finden. Sehr dankbar sei der Kreis daher für die Unterstützung der Jugendherberge in Rottweil und dem Feriendorf Eckenhof. Doch war klar, dass die Unterbringung nur vorübergehend möglich sei. Noch werde das Haus in der Eichenstraße geprüft, aber Hamann geht davon aus, dass beide Hälften zur Unterbringung der Jugendlichen angemietet werden. Die Stiftung "Lernen, Fördern, Arbeiten" übernehme die Betreuung. Es werde eine Bereitschaft von 24 Stunden eingerichtet.

Die Sorgen der Eltern kann Hamann nachvollziehen, doch bestätigt sieht er die Ängste nicht. "Der Landkreis Rottweil machte bislang sehr gute Erfahrungen."

Das Amt spricht

Vom Eigentümer des Gebäudes, der in Rottweil übrigens eine Gastwirtschaft führe und die Räume darüber gün­stig vermiete, gehe keine unerlaubte Handlung aus, versichert Edgar Griesser, Leiter des Kreisbauamts. Das Gebäude sei überprüft und eine gewerbliche Nutzung nicht erkannt worden. Zwar hätte es Anzeichen für einen Beherbergungsbetrieb gegeben, aber die wurden entfernt, bestätigte Griesser den Abbau der Küchenzeilen und anderes. Zudem konnten Mietverträge aus einem normalen Mietverhältnis vorgelegt werden. Aktuell prüfe das Kreisbauamt daher, ob das Gebäude für die Unterbringung der Jugendlichen geeignet sei.

Bürgermeister Frank Scholz versteht den Unmut der Anwohner, steht aber unter Zugzwang. In Dietingen leben derzeit 34 Asylbewerber. Nach der Statistik des Landkreises müsse die Gemeinde 54 Personen aufnehmen, berichtet Hauptamtsleiter Matthias Barth. Mit dem Einzug der Jugendlichen kann der Rückstand der Gemeinde aufgeholt werden.

Welcher Personenkreis Dietingen zugeordnet werde, könne von der Gemeinde nicht beeinflusst werden. Auch sei ein Einspruch nicht möglich, so Barth.

Vor dem Einzug der Jugendlichen lädt der Kreis aber zu einer Informationsveranstaltung ein. Jede Frage werde dann "eingehend besprochen", betont Hamann.

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