Deutschland knausert bei der Aids-Bekämpfung
Schwarzwälder-Bote, 25.07.2012 23:33 UhrVon Thomas Spang
Washington. Im Kampf gegen Aids bleiben nach Ansicht von Experten zu viele vermeidbare Probleme ungelöst. So schützen sich amerikanische Jugendliche laut einer neuen Studie trotz jahrzehntelanger Aufklärungskampagnen nicht ausreichend gegen Aids. Vier von zehn US-Schülern benutzten dem Bericht des US-Zentrums für Infektionskontrolle (CDC) zufolge 2011 kein Kondom beim Sex, hieß es jetzt auf der Welt-Aids-Konferenz in Washington. 2003 hatten noch 63 Prozent Kondome benutzt. "Außerdem sagen weniger Jugendliche, dass sie Aids als schwerwiegendes Gesundheitsproblem sehen", so Kevin Fenton vom CDC.
Jedes Jahr infizieren sich in den USA etwa 50 000 Menschen mit HIV, etwa vier von zehn davon sind jünger als 30 Jahre. In Deutschland benutzten laut Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) 75 Prozent der Jugendlichen beim ersten Sex ein Kondom.
Auch in Afrika schützten sich längst nicht so viele Menschen mit Kondomen, wie es für eine wirkungsvolle HIV-Prävention wünschenswert sei, sagte Oliver Moldenhauer von der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen. Gemeinsam mit dem HIV/Aids-Programm der Vereinten Nationen hat die Hilfsorganisation den Fortschritt von 23 Ländern im Kampf gegen Aids untersucht.
Ergebnis: Immer noch erlaubten beispielsweise nur elf der 18 untersuchten Länder in Afrika südlich der Sahara Krankenschwestern, einem Patienten HIV-Medikamente zu verabreichen. Das sei aber notwendig, sagen Experten, weil vor allem in ländlichen Gebieten nicht überall Ärzte zur Verfügung stehen. Auch auf anderen Gebieten bestehe in vielen Ländern Nachholbedarf. So erlaubten nur acht der untersuchten Länder, dass HIV-Infizierte, die zuverlässig Medikamente einnehmen, gleich eine Dosis für zwei oder drei Monate abholen können. In vielen Ländern sei der Weg zu einer Abholstelle aber zu beschwerlich.
Ärzte ohne Grenzen kritisierte auf der Aids-Konferenz außerdem, dass Deutschland vergleichsweise wenig finanzielle Beiträge im Kampf gegen Aids leiste. Nach einem Bericht der Kaiser Family Foundation, eines gemeinnützigen US-Unternehmens, zahlt Deutschland 85 Dollar (etwa 70 Euro) pro einer Million Dollar des Bruttoinlandsprodukts für internationale HIV-Bekämpfung. In den USA sind es 299 Dollar (etwa 250 Euro), in Großbritannien mehr als 400 Dollar (rund 330 Euro). "Das ist ein peinlich niedriger Betrag", sagte Moldenhauer.
Auf der Aids-Konferenz erneuerte Außenminister Hillary Clinton einmal mehr das Versprechen, weltweit eine "HIV-freie Generation" zu schaffen. "Wir werden dafür kämpfen, die Ressourcen, die für das Erreichen dieses Meilensteins notwendig sind, bereitzustellen." 80 Millionen Dollar (66 Millionen Euro) sollen in einen Fonds fließen, der der Forschung dient: Es geht darum, Wege zu finden, um die Übertragung des Virus von schwangeren Müttern an ihre Babys zu verhindern. Weitere 40 Millionen Dollar (33 Millionen Euro) sollen die freiwillige Beschneidung von Männern und Jungen fördern. Studien zeigen, dass dadurch das Infektionsrisiko um bis zu 60 Prozent reduziert werden kann. Die restlichen Mittel sollen in Programme fließen, mit denen Prostituierten und Drogenabhängige über Präventionsmaßnahmen unterrichtet werden.
Aktivisten begrüßten das Versprechen der US-Regierung, sehen darin aber trotzdem nur einen Tropfen auf den heißen Stein. Global klafft eine Finanzierungslücke von sieben Milliarden US-Dollar, um bis 2015 weltweit 15 Millionen HIV-Infizierte behandeln zu können. Das wäre nicht einmal die Hälfte der zurzeit 34 Millionen Menschen, die bereits den Virus in sich tragen.
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