Dauchingen "Gemeinschaftsschule als Chance für ländlichen Raum begreifen"
Schwarzwälder-Bote, 09.07.2012 00:44 UhrDauchingen (spr). Peter Singer, Rektor der Grund- und Werkrealschule Niedereschach-Deißlingen, übernimmt ab September kommissarisch die Leitung der Grund- und Hauptschule Dauchingen. Im Interview nimmt Singer zu seinen Einschätzungen und Zielen Stellung.
Haben Sie sich kurzfristig beworben, oder hat das Schulamt Sie zum kommissarischen Rektor in Dauchingen bestimmt?
Ich habe mich nicht beworben, sondern wurde vom Schulamt gefragt, ob ich die Schulleitung kommissarisch übernehmen könnte. Dem habe ich selbstverständlich zugestimmt. Ich hoffe jedoch, dass sehr schnell eine Schulleitung für Dauchingen gefunden wird.
Sehen Sie Synergieeffekte durch Ihre Berufung, da beide Schulen auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule ja ohnehin eng zusammenarbeiten müssen?
Die Gemeinschaftsschule ist eine neue Schulform, die auf keinen Fall als Weiterentwicklung der Hauptschule/Werkrealschule zu sehen ist, sondern als neue Schulform, die neue Lernformen für die Kinder und Jugendlichen anbieten wird. An allen drei Standorten gibt es Lehrerinnen und Lehrer, die versuchen diese neuen Lernformen schon jetzt umzusetzen. Sicherlich gibt es dort Möglichkeiten, voneinander zu profitieren. In den jeweiligen Grundschulen arbeiten ebenfalls einige Kollegen schon sehr innovativ, auch dort kann man voneinander lernen.
Wie gravierend ist der Umstand, dass es seit geraumer Zeit keinen Konrektor in Dauchingen gibt?
Eine moderne Schule arbeitet nicht mehr klassisch mit einer Schulleitung, bestehend aus Rektor und Konrektor, sondern installiert ein Schulleitungsteam. An der Grund- und Werkrealschule Deißlingen/Niedereschach haben wir ein Steuerteam, bestehend aus Schulleitung und mehreren Kollegen. Unsere Schulentwicklungsarbeit wird durch dieses Team bestimmt. In Dauchingen haben ebenfalls einige Kolleginnen eng mit der Rektorin Krieger zusammengearbeitet.
Werden Sie regelmäßig in Dauchingen sein, eventuell unterrichten?
Ich werde an einem Tag in Dauchingen und einen Tag in Deißlingen sein. Meine Kernaufgabe werde ich in Niedereschach erfüllen. Ich werde in Dauchingen keinen Unterricht erteilen, sondern dort die laufenden Geschäfte erledigen, mit dem Steuerteam zusammenarbeiten und alles dafür tun, dass die Schule störungsfrei arbeiten kann.
Ihre Vorgängerin hat viele Ressourcen auf die Förderung der Hauptschüler verwandt. Werden Sie das so beibehalten, oder welche Änderungen streben Sie an?
Nicht die Schulleitungen haben die Hauptschule/Werkrealschule hochgehalten, sondern die Politik. Wir hatten und haben den Auftrag, Schülerinnen und Schüler, die unsere Schulart besuchen, denen häufig das Lernen schwerer fällt, auf einen Beruf oder eine aufbauende Schulart vorzubereiten. Dies ist in den vergangen Jahren bei uns und in allen mir bekannten Nachbarstandorten sehr gut gelungen. Die Ressourcen für die Werkrealschule waren ausgesprochen gut. Unabhängig davon wird diese Schulart, mit all ihren Angeboten und Unterstützungsmaßnahmen immer weniger gefragt.
Als Befürworter der Gemeinschaftsschule befürworten Sie neue, moderne Unterrichtsmethoden. Muss sich hier etwas in Dauchingen ändern – was wird sich unter Ihrem Rektorat ändern?
Nicht alleine in Dauchingen muss sich etwas ändern, sondern überall in unserer Gesellschaft muss ein neues Bewusstsein für Lernen und Unterricht geweckt werden. Lehrer und Lehrerinnen müssen sich auf den Weg machen und sich dafür qualifizieren. Die Lehrerausbildung muss optimiert werden. Eltern müssen akzeptieren, dass das Lehrpersonal die Experten sind und nicht ihr Bauchgefühl oder die Erfahrungen aus der eigenen Schulzeit. Sie müssen die Pädagogen als Partner für die Entwicklung ihre Kinder erleben. Die Schulträger müssen erkennen, dass es nicht nur um den Erhalt einer weiterführenden Schulart vor Ort geht, sondern um ein qualitativ gutes, konkurrenzfähiges Angebot im ländlichen Raum, zur Stärkung des ländlichen Raumes. Die Politik muss sich Gedanken machen, wie sie für den Lehrerberuf hoch qualifiziertes Personal findet. Im Rektorat der Dauchinger Schule werde ich als kommissarischer Schulleiter nichts verändern können, aber als Schulleiter einer Gemeinschaftsschule sähe ich und mein Team viele Gestaltungsmöglichkeiten.
Wenn man davon ausgeht, dass die Bewerbung für die Gemeinschaftsschule Erfolg hat: Welche Perspektiven hat dann noch die Hauptschule Dauchingen aus Ihrer Sicht?
Für alle drei Standorte sehe ich wenig Perspektiven für die Fortführung der HS/WRS, denn der demografische Wandel setzt sich fort, der Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung wirkt sich weiterhin negativ aus, es werden weitere Gemeinschaftsschulen in der Umgebung entstehen und die bestehenden Realschulen und Gymnasien werden sich nach und nach ändern, um ihre Attraktivität zu behalten – wer soll da noch vor Ort bleiben? Wenn jedoch, wie bei der Werkrealschuldiskussion, alle nur die eigene Gemeinde und Schule und nicht die Chancen und Möglichkeiten der Gemeinschaftsschule im Blick haben, werden wir mit unserem Antrag keinen Erfolg haben.


