"Dagegen leben?" Haus der Geschichte zeigt S21-Bauzaun

Michael Deufel, 13.09.2011 12:51 Uhr

Stuttgart - Am Bauzaun, der den Nordflügel des Hauptbahnhofs gegenüber Stuttgart-21-Gegnern abschirmen sollte, offenbarte sich ein Durcheinander des Protests. Aber nur auf den ersten Blick. Ehe der Zaun im Haus der Geschichte ausgestellt wird, entziffern Historiker in dem vermeintlichen Chaos eine vielfältige Ordnung.

Es riecht nach Beton, kaltes Neonlicht tut in der tristen Lagerhalle sein Übriges. Nur vorübergehend hauchen ein paar Farbtupfer dem wie tot wirkenden, grauen Kelleraum an der Stuttgarter Urbanstraße so etwas wie Leben ein. So lange nämlich, bis Sarah Stewart und Johannes Häußler hier ihre Arbeit beendet haben. Die beiden Kuratoren im Haus der Geschichte Baden-Württemberg bereiten den mit bunten Botschaften behängten Bauzaun, der bis vorigen Dezember an der Nordseite des Stuttgarter Hauptbahnhofs stand, auf seine nächste Etappe vor. Der Zaun wird zentraler Teil der Ausstellung "Dagegen leben?" sein, die am 15. Dezember beginnt.

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2500 Exponate werden repariert und katalogisiert

Farbe sollte eigentlich fröhlich machen, doch vielen Urhebern der bunten Einsprengsel war es bitterernst, als sie ihre Protestnoten an den Zaun hefteten. Sarah Stewart und Johannes Häußler sichten, katalogisieren, reparieren seit Monaten rund 2500 Exponate. Stuttgart-21-Gegner hatten sie dort angebracht, bis der Zaun in Einzelteilen ins Haus der Geschichte transportiert wurde.

Die beiden Kuratoren haben auf der wirr anmutenden Posterwand erstaunliche Dinge herausgefiltert. "Teils wurde auf Kommentare geantwortet", sagt die stellvertretende Museumsleiterin Paula Lutum-Lenger. "Andere haben in sich schlüssige Serien von Botschaften angebracht." Ein markantes Beispiel von ein und demselben Urheber: In den deutschen Bundesfarben Schwarz-Rot-Gold gehalten, reihen sich mehrere Mundart-Sprüche wie "Ond älles von meim Geld" oder "Granada Sauerei elende" aneinander. Insgesamt haben sich 260 verschiedene Urheber herausfiltern lassen.

Ferner lässt sich eine Art Hitparade derer zusammenstellen, gegen die sich der Zorn der Leute richtet. Der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus, Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und Bahn-Chef Rüdiger Grube belegen die ersten Plätze. Eine weitere Systematik ergibt sich aus moralisch als integer geltenden Menschen wie Mahatma Gandhi, Bertolt Brecht oder auch dem Reggae-Musiker Bob Marley ("Get up, stand up"), die an dem Zaun - teils nicht immer korrekt - zitiert werden. Herauslesen lasse sich "ein Hang zu bildungsbürgerlichen Inhalten", belegt auch durch die für die Masse an Texten vergleichsweise geringe Anzahl Rechtschreibfehler.

 
 
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