Stuttgart - „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“. Mit Weihnachtsliedern gestalten Chor und Band St. Georg seit 43 Jahren den Heiligabend-Gottesdienst in der Justizvollzugsanstalt Stammheim. Keiner hat dort öfter gesungen als Eberhard Maier. Seit nunmehr 41 Jahren singt er regelmäßig hinter Gittern.

Herr Maier, haben Sie Ihre Weihnachtsgeschenke schon zusammen?
Ja, ich denke immer rechtzeitig daran.

Das ist gut, dann brauchen Sie an Heiligabend nicht mehr um 13 Uhr durch die Läden hetzen.
Ich habe noch nie am 24. Dezember um 13 Uhr kleine Geschenke wie Krawatten, Socken oder Parfüm eingekauft. Dieses ­Gefühl kenne ich nicht.

Sie gehen zu dieser Zeit lieber dorthin, wo keiner hin will.
An Heiligabend bin ich im Knast. Wenn ich das Bekannten erzähle, reagieren die ­ungläubig.

Dabei hat Ihr Einrücken in den Knast viel mit Ihrem Glauben zu tun.
Seit 43 Jahren singen Chor und Band St. Georg an Heiligabend bei einem Weihnachtsgottesdienst in der Justizvollzugsanstalt Stammheim. Ich selbst bin seit 41 Jahren dabei.

Sind Sie inzwischen der dienstälteste Sänger?
Vermutlich hat keiner aus unserem Chor ­öfter in Stammheim gesungen. Ich glaube nicht, dass ich mal gefehlt habe.

Wie war es beim ersten Mal?
1971 ist lange her, aber ich weiß noch, dass ich sehr aufgeregt war und ein mulmiges Gefühl hatte. Ich wusste nicht, was mich dort erwartet.

Sie erlebten einen Schock fürs Leben?
So schlimm war es nicht. Aber der erste Eindruck war schon bedrückend. Plötzlich fällt hinter dir die Tür ins Schloss – und dann wird von außen auch noch der Schlüssel umgedreht.

Sie waren damals 16 Jahre alt. In diesem Alter hat man eigentlich andere Interessen.
Die Freunde aus der Kirchengemeinde ­haben auch gesungen. Da ist man in die JVA mitgegangen und war gespannt, was einen erwartet.

Damals gab es überall Jugendproteste, Studenten waren auf der Straße. Sie und Ihre Freunde aber sangen im Kirchenchor. Waren Sie die Braven?
Nicht ganz. Wir wollten auch in der Kirche etwas ändern. Es ging uns um eine andere Form der Gottesdienstgestaltung. Wir spielten Keyboard, Gitarre, Schlagzeug.

Waren Chor und Band St. Georg der Gegenentwurf zur klassischen Kirchenmusik?
Wir wollten nicht provozieren. Es war einfach unser Lebensgefühl. Orgelmusik hat uns nicht interessiert.

Schlug da die Aufbruchsstimmung nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil durch?
Es gab schon auch Widerstände. Viel ältere Gemeindemitglieder haben uns kritisch beäugt. Manche haben die von uns gestalteten Gottesdienste gemieden.

So brav waren Sie also gar nicht. Doch es gab auch die richtig Bösen. Die Terroristen saßen in den 70er Jahren in Stammheim. Hatte das Auswirkungen auf die Weihnachtsfeiern dort?
Und ob! Am Eingang zum Gefängnis wurde damals richtig scharf kontrolliert, viel schärfer als heute an den Flughäfen.

Wie sah das konkret aus?
Namenslisten mussten eingereicht und die Ausweise abgegeben werden. Individuell folgte dann das komplette Programm: Gürtel ab, Schuhe weg, Hose auf, Abtasten.

Hat das Sie und Ihre Freunde genervt?
Man hat das hingenommen. Wir wollten ja dort singen. Geärgert aber hat uns das mit den Musikinstrumenten!

Erzählen Sie.
Plötzlich waren sämtliche Instrumente verboten. Die einzige Ausnahme galt für Blockflöten. An ein Schlagzeug war nicht mehr zu denken. Wenigstens gab es in der Gefängniskapelle ein Klavier und eine Orgel.

Fanden so die jungen Kirchenmusikrebellen zur Orgelmusik zurück?
Wir haben uns damit beholfen, mehr a ­cappella zu singen.

Kamen die Leute von der Roten Armee ­Fraktion zu ihren Auftritten?
Nie. Ob sie nicht durften oder nicht wollten, weiß ich nicht. Wir hätten aber natürlich auch für Andreas Baader und Ulrike Meinhof gesungen.

Was hat Sie bei den vielen Auftritten in Stammheim am meisten beeindruckt?
Die Stimmung und die Weihnachtslieder haben eine starke Wirkung auf die Häftlinge. Manche singen mit, sogar in ihrer Heimatsprache. Andere werden ganz still und nachdenklich. Es fließen sogar Tränen.

Wirklich?
Besonders dann, wenn wir zum Abschluss im abgedunkelten Raum „Stille Nacht“ singen. Dann entdecken die harten Jungs ihren weichen Kern.

Nehmen Sie aus der Stammheim-Weihnachtsfeier etwas mit nach Hause?
Wenn man durch die Gefängnistür wieder ins Freie tritt, muss ich jedes Mal an die Häftlinge denken, die drinnen bleiben und jetzt den Heiligabend in der Zelle verbringen müssen. Das geht einem schon nah. Das bewegt mich noch lang.