CDs der Woche Ein kleines bisschen Horrorshow
Gunther Reinhardt, 14.05.2012 19:00 UhrShirley Manson und Beth Ditto würden herrlich schräge Science-Fiction-Fieslinge abgeben. Von Manson, die Sängerin der Band Garbage, weiß man das sogar mit Sicherheit, hat sie doch in der TV-Serie „Terminator – The Sarah Connor Chronicles“ einen Mörderroboter aus der Zukunft gespielt. Und Gossip-Frontfrau und Lagerfeld-Model Beth Ditto, die wir uns gut als böse Königin einer dekadenten außerirdischen Vampirclans vorstellen könnten, wartet wahrscheinlich bloß noch aufs richtige Rollenangebot – und muss sich deshalb vorerst noch mit einem Auftritt bei „Germany’s Next Top Model“ begnügen.
Manson und Ditto prägen mit ihrer extremen Körperlichkeit – da die eiskalte Femme fatale, dort die schamlos-stilvolle Dicke – das Erscheinungsbild ihrer Bands, haben den Songs stets etwas Monströses, etwas Andersartiges mitgegeben. Während Garbage aber auf ihrer neuen Platte „Not Your Kind Of People“ an sperrig-schönen Hits wie „Stupid Girl“, „Happy When It Rains“ oder „Queer“ anknüpfen, sind Gossip inzwischen zahm geworden und haben sich auf den Dancefloor verlaufen.
Beth Ditto: Indierock-Riot-Grrrl oder Discoqueen?
Dort drehen sie sich im Kreis, irren aufgeregt von „Melody Emergency“, das mit einem zickigen Bass die Platte eröffnet, zum funky-souligen „Horns“ und landen schließlich im wattigen Synthiegeflimmer von „Love In A Foreign Place“, mit dem die Platte zu Ende geht. Eigentlich jeder Song auf der neuen Gossip-Platte „A Joyful Noise“ drängt auf die Tanzfläche, will den Zuhörer überreden, sich gehen zu lassen. „Get A Job“ turnt zu einem pulsierenden Bass herum, für „Move In The Right Direction“ und „I Won’t Play“ werden einem Funkytown-Sequenzer-Oktaven um die Ohren gehauen.
War sich Beth Ditto auf der Platte „Music For Men“ (2009) noch nicht sicher, ob sie sich selbst als Indierock-Riot-Grrrl oder als Discoqueen besser gefällt, hat sie sich jetzt für die Tanzfläche, für Abba, für das Disco-Inferno entschieden. Zwar wehrt sich in „Melody Emergency“ noch ein Metallica-Riff gegen die Gloria-Gaynorisierung des Gossip-Repertoires. Doch schon durch „Perfect World“ rennt vergnügt ein Bass, der Synthie macht einen auf jubilierendes Streicherensemble und Ditto fordert: „Give away to feelings“ – Gib dich deinen Gefühlen hin. Wer Disco und Abba mag, der ist bei der neuen Gossip-Platte richtig.
Wem’s etwas abgründiger besser gefällt, der ist bei der Garbage-Album „Not Your Kind Of People“ richtig – einer Platte voller verstörend-betörender Popungetüme. Begleitet von einer Jahrmarktsorgel und Stakkatogitarren schwört Shirley Manson in „I Hate Love“ der Liebe ab, die einen sowieso nur verzweifelt und grausam mache. Hinter einer süßlichen Popmelodie lauern einmal mehr Obsessionen, seelische Empfindlichkeiten und die Angst, die Seele zu verlieren. Garbage haben erneut Lieder zusammengetragen, die wie Popsongs klingen, die von einem bösen Zauberer grotesk entstellt, merkwürdig verzerrt wurden. Auch das effektvoll verzierten „Battle In Me“, das dunkelschön-verlangende „Sugar“, das vom Kontrollverlust träumende „Control“ oder die Shoegazing-Nummer „Felt“ machen da weiter, wo Garbage 2005 mit „Bleed Like Me“ aufgehört haben.
Garbage können aber auch anders: Zum Beispiel im verdreht-hymnischen Titelsong, der anfangs wie eine Muse-Hommage klingt, dann aber zu einer atemberaubenden, vom Britpop besseelten Ode aufs Anders- und Außerordentlichsein wird. Oder in „Man On A Wire“, bei dem sich die Band an einer Rock’n’Roll-Nummer abarbeitet und Shirley Manson beim Blick in den Spiegel ein schwarzes Ungetüm, ein Monster mit funkelnd grünen Augen entdeckt – ein Monster, das dem nicht ganz unähnlich ist, das Beth Ditto leider nur auf dem Cover der neuen Gossip-Albums darstellt.





