Calw Wenn der Krieg nicht aufhört

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Foto: Evangelische Erwachsenenbildung Foto: Schwarzwälder-Bote

Zwei Fotos befinden sich auf der Leinwand im Haus der Kirche in Calw. Eines davon zeigt Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten im Jahr 1945, ein anderes Flüchtlinge auf der Balkanroute 2015.

Calw. Ein Teilnehmer fragt: "Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich mich mit dem Foto mit den Menschen am Ende des Zweiten Weltkriegs stärker identifiziere?"

Der Psychologe Wolf Kirchberg (Foto) erläutert im Rahmen der ökumenisch orientierten Nachmittagsakademie Calw posttraumatische Belastungsstörungen. Er weiß, dass Diskussionen über Flüchtlinge ein heißes Eisen sind.

Auf der einen Seite befinden sich die Menschen, die helfen wollen und sich ehrenamtlich bis an den Rand ihrer Kräfte engagieren. Auf der anderen Seite gibt es die Vorbehalte gegenüber der "Willkommenskultur", die teilweise mit Angst gepaart sind. Das ist nicht neu, wie Kirchberg mit einem Foto aus dem Jahr 1945 verdeutlicht. Bürger demonstrieren mit einer Aufschrift "Badens schrecklichster Schreck – der neue Flüchtlingstreck!!"Und es gibt Menschen, die ihre eigenen Familienschicksale nicht loslassen.

Sichtlich beruhigt

"Nein, Sie sind völlig normal", lautet Kirchbergs Antwort auf die eingangs gestellte Frage. Der Teilnehmer ist sichtlich beruhigt. "In der Psychologie komme ich mit moralischen Maßstäben meist nicht weiter", erläutert der Psychologe seine Aussage. "Ich nehme den Menschen in den Blick und halte mir seine jeweilige Situation vor Augen. Mit erhobenem Zeigefinger komme ich in einer Therapie nicht zum Erfolg."

Wolf Kirchberg hat sich für die mit Unterstützung des Aktionsfonds "Qualifiziert.Engagiert." durchgeführte Veranstaltung etwas Außergewöhnliches vorgenommen. Er vergleicht die Situationen von Flüchtlingsschicksalen in den Jahren von 1945 und 2015 miteinander.

Für ihn ist das kein Widerspruch. "Das Krankheitsbild einer posttraumatischen Belastungsstörung nach Kriegs- und Fluchterfahrungen ist dasselbe." In der Sprache der Mediziner heißt es: "Durch ex­tremen Stress und den damit verbundenen biochemischen Cocktail kommt es zu Problemen bei der zen­tralnervösen Verarbeitung, insbesondere Speicherung und Integration, langfristig zu Schädigungen".

An zwei Beispielen veranschaulicht Kirchberg diese Erfahrung. Ein Patient leidet unter Albträumen, auf Gefühle ist er kaum anzusprechen. Aus der Familiengeschichte wird erkennbar, dass der Vater im Krieg Flak-Schütze und an der Front eingesetzt war. Auch die Mutter hat schreckliche Erfahrungen hinter sich. Darüber haben beide nie gesprochen.

Eine unangenehme Gefühlskälte und Lebensängste haben sich beim Sohn breitmachen können, die er sich selbst nicht erklären konnte.

Der Leidensdruck führte ihn über einen Arzt zum Psychologen. Traumatische Belastungen können sich auf die nächste Generation übertragen. Sie können erfolgreich bearbeitet werden, auch wenn die Erfahrungen lange Jahre zurückliegen.

Anderes Beispiel

Ein anderes Beispiel schildert die Situation eines Flüchtlings aus Afghanistan, der irgendwann angefangen hatte, seine Kinder zu schlagen und Hilfe brauchte. Auch hier gelang es, seine schrecklichen Erfahrungen aufzuarbeiten und ihm sowie seiner Familie zu helfen. "Die Methode aus der ›Trickkiste‹ der Psychologie ist dieselbe", verrät Kirchberg.

Ehrenamtlichen Helfern rät er zur Zurückhaltung: "Schützen Sie die Menschen und vor allem sich selbst vor der ausführlichen Beschreibung von belastenden Situationen, bohren Sie nicht nach, aber seien Sie aufmerksam bei ungewöhnlichen Reaktionen."

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