Von Andreas Wende

"Hier sitzt der Caller, der alle Bewegungen auf der Bühne lenkt." Sarah Konzept von Stage Entertainment beginnt die Führung für ihre kleinen und großen Gäste gleich hinter dem Eingang in dem 1800 Plätze fassenden Saal des Palladium-Theaters im Stuttgarter SI-Zentrum. Hier ist derzeit das Musical "Rebecca" zu sehen.

Sarah Konzept und Irene Streicher sehen sich einer neugierigen Besucherschar gegenüber. Die Kinder und Jugendlichen Lara Spitz aus Königsfeld-Neuhausen, 15, Valerie, zehn Jahre, und Vanessa Klumpp, 15, aus Simmersfeld sowie Philipp Kal­tenmark, zehn Jahre, aus VS-Schwenningen haben sich bei der Aktion Wünsch dir was des Schwarzwälder Boten, die unterstützt wird von der Sparkasse Pforzheim Calw, den Blick hinter die Kulissen eines Musicals gewünscht.

Jetzt blicken alle zur Kabine des Dirigenten der Bühnenschau hin, ohne den nichts läuft. Er erteilt Anweisungen an die Bühnentechniker, die für Beleuchtung, Einspielungen oder pyrotechnische Effekte sorgen. "Jeden Abend geht die große Treppe in Flammen auf", nennt Sarah Konzept als Beispiel. Wie das funktioniert, erfahren die Gäste später auf der Bühne. Jetzt tut sich dort noch nichts, denn erst zwei Stunden vor der Aufführung um 19.30 Uhr fangen die Techniker mit ihren Tests an.

"Die Darsteller auf der Bühne können den Dirigenten über Monitor sehen", erklärt Irene Streicher, während die Besucher in den Orchestergraben vor der Bühne schauen. 18 Musiker spielen dort bei jeder Aufführung live. Sie sitzen auf recht engem Raum, nur dem Schlagzeuger steht für sein umfangreiches Instrumentarium mehr Platz zur Verfügung. Er sitzt deshalb auch eine Etage tiefer als seine übrigen Kollegen.

Kulissen laufen inFührungsschienen

Durch eine kleine Seitentür führt der Weg auf die sprichwörtlichen "Bretter, die die Welt bedeuten". Über der Hauptbühne geht es 28 Meter hoch bis zur Decke, wo Winden installiert sind, die schwere Objekte heben können. Auf dem Boden befinden sich Führungsschienen, mit denen sich Kulissenteile rasch umsetzen lassen. "Aus diesem Grund wird auch der Boden ausgebaut, wenn ›Rebecca‹ nicht mehr läuft", erklärt Sarah Konzept.

Neben der Kulisse des Bootshauses von Schloss Manderley beherrscht eine große Freitreppe das Bühnenbild. Die ganz der unter merkwürdigen Umständen verstorbenen Mrs. de Winter ergebene Haushälterin Mrs. Danvers steckt diese Treppe in Brand, weil sie die neue Frau des Schlossherrn Maxim de Winter aus tiefster Seele ablehnt.

Offene Flammen im Theater sind der Alptraum für jeden Feuerwehrmann. Um das Risiko so klein wie möglich zu halten, wird aus einem Tank eine genau bemessene Menge Gas durch Schlitze in der Treppe geleitet, das kontrolliert abbrennt. Die Darstellerin der Haushälterin trägt Asbesthandschuhe, wenn sie mit einer Fackel Feuer legt. Und es befinde sich nur so viel Gas im Tank, wie für den Abend gebraucht wird, erfahren die Teilnehmer der Führung.

Auf der Seitenbühne, wo laut Sarah Konzept "oft mehr passiert als auf der Haupt­bühne", können sich die Darsteller umziehen, wenn ein kurzer Szenenwechsel ansteht. Da es dort während der Vorstellung stockdunkel ist, helfen Assistenten beim Kleiderwechsel – der manchmal nur 40 Sekunden dauern darf. Liegen zwischen den einzelnen Auftritten längere Pausen, können sich die Darsteller in die so genannte Black Box zurückziehen. Die verfügt über Schminktische, ist beleuchtet und mit Kostümen ausgestattet, geordnet nach Rolle, Darstellern und Szenen und getrennt für Frauen und Männer.

Die Hauptrollen sowie wichtige Nebenrollen bei Rebecca sind nämlich mehrfach besetzt. Fällt ein Schauspieler aus, springt ein so genannter Swing für ihn ein. Darunter versteht man in der Musical-Szene eine Person, die mehrere Rollen beherrscht. "Die müssen bei jeder Aufführung parat stehen, um sofort einspringen zu können", beschreibt Sarah Konzept den üblichen Ablauf.

Die Auswahl an Kleidungs­stücken und Schuhen in der Black Box ist nur ein kleiner Teil aus dem Fundus, der sich im dritten Stock des Theatergebäudes befindet. Auf dem Weg dorthin machen die Besucher noch einen Abstecher in den vierten Stock, wo die Perücken für die Darsteller aufbewahrt werden. 100 Stück pro Abend sind im Einsatz, sagt Irene Streicher. Jeder Darsteller hat sein eigenes Haarteil.

Schauspielerei istSchwerstarbeit

Die Kostüme, die nicht für die gerade laufende Vorstellung gebraucht werden, hängen im Fundus. Sarah Konzept räumt gleich mit Klischees auf: "Bei den Männern ist es genauso voll wie bei den Frauen." Richtig teure Maßanfertigungen befinden sich darunter, die 4500 Euro und mehr kosten. Manche Stücke sind ziemlich schwer. "Und damit gleiten die Darsteller über die Bühne, singen und tanzen", vermittelt Konzept einen Eindruck von der schweren Arbeit, die allabendlich auf der Bühne verrichtet wird.

Das weiß niemand besser als die Hauptdarsteller Valerie Link und Jan Amann. In lockerem Plauderton erzählen sie den Besuchern von ihrem bewegten Leben zwischen Bühnenerfolg und "gnadenloser Arbeitslosigkeit", wenn ein Engagement endet. In zwei Stunden stehen sie schon wieder auf der Bühne und geben ihr Bestes, um den Besuchern einen glücklichen Musical-Abend zu bereiten.