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Hesse-BahnMichael Stierle hat es beim Jahrhundertprojekt des Landkreises derzeit mit ganz praktischen Problemen zu tun

Die politischen Querelen sind für ihn weit weg in diesem Moment. An diesem Nachmittag steht Michael Stierle auf dem Bahndamm, auf dem die Hesse-Bahn fahren soll, und er hat vor allem eines im Sinn: Lösungen für praktische Probleme.

Von Sebastian Bernklau

Kreis Calw. Die Schienen enden einfach ganz abrupt im Nirgendwo. Noch. Noch unterbricht ein tiefer Graben die Bahnstrecke, auf der in ein paar Jahren die Hesse-Bahn fahren soll. Unten fließt der Verkehr auf der mehrspurigen Bundesstraße 295 zwischen Calw und Althengstett.

Dass man an diesem Ort in der Nähe des Calwer Teilortes Heumaden eine Brücke braucht, ist nur eine der vielen Aufgaben und Herausforderungen im Rahmen des Jahrhundertprojekts Hesse-Bahn. Und sie ist eine, an die Michael Stierle nicht mehr ganz so viele Gedanken verschwenden muss. Denn Stierle, im Calwer Landratsamt die Schlüsselfigur beim Projekt Hesse-Bahn, weiß, dass in Sachen Heumaden-Brücke die großen Fragen beantwortet und nur noch Details zu klären sind. 40 Meter lang wird die Stahlkonstruktion sein und gut drei Millionen Euro kosten, die sich der Bund und die Stadt Calw teilen werden.

"Nicht weit davon entfernt wird dann der neue Haltepunkt Heumaden entstehen", erzählt Stierle, während es auf dem Bahndamm in Richtung Calw, in Richtung des ehemaligen Haltepunktes Heumaden geht, wo sogar noch der alte Bahnsteig steht.

Schnell fallen farbige Markierungen und gesägte Lücken in den Schienen auf. Stierle wartet nicht auf die Frage, berichtet von anstehenden Tests. "An diesen Stellen tragen wir die nächsten Tage Schienen, Schwellen und Schotter ab und prüfen danach den Untergrund auf desen Standfestigkeit", so der Leiter der Abteilung ÖPNV im Calwer Landratsamt. Doch nicht nur das will man überprüfen lassen. Während die Schwellen entsorgt und die Schienen verwertet werden, soll der Schotter, wenn möglich, wieder verwendet werden. Doch erst, wenn man weiß, dass der nicht mit Schadstoffen verseucht ist.

Mitarbeiter siedeln die Steinkrebse schon probeweise um

Ein paar hundert Meter weiter sind die Herausforderungen ganz andere. Tief haben die Arbeiter die Bahnstrecke einst in die Hügel nahe Althengstett eingegraben. Mauern aus sauber behauenen Steinen säumen große Teile des schnurgeraden Teilstücks, das inzwischen mit vielen Pflanzen zugewuchert ist.

Hier sind die Probleme, die Stierle zu lösen hat, ganz anderer Natur. "Auch wenn die Mauern großteils Blendwerk sind, müssen wir sie sanieren und für die Entwässerung dieses tiefen Einschnitts sorgen", erzählt er. Doch das ist nur ein Bruchteil der Aufgaben an dieser Stelle. Gerade dort waren die Vorbereitungen was Umwelt- und Naturschutz angeht besonders intensiv. "Auf diesem Abschnitt sind über die Jahre viele Leute durchgelaufen und haben Tier- und Pflanzenwelt kartiert", erinnert sich Stierle. "Sogar die einzelnen Moosarten mussten aufgeführt und kartografiert werden." Ein Tier, das dabei besonders viel Arbeit verursacht, ist der Steinkrebs. Für den musste man Ausweichquartiere finden. "80 Möglichkeiten gab es im Kreis, doch nach intensiver Prüfung sind nur zwei übrig geblieben", berichtet Andreas Knörle, seit kurzem für den ÖPNV zuständiger Dezernent im Landratsamt, der Stierle an diesem Tag auf der Streckenbesichtigung begleitet. "Inzwischen haben wir probeweise damit begonnen, die Krebse umzusiedeln", erzählt Stierle aus seinem reichen Erfahrungsschatz.

Noch im Dezember wird der Zweckverband Hesse-Bahn gegründet

Lösungen müssen Stierle und sein Team auch im Fall einer anderen Tierart finden: den Fledermäusen. 13 verschiedene Arten und geschätzte 6700 Einzeltiere gibt es in den beiden bestehenden Tunneln, dem Forsttunnel und dem 554 Meter langen Tunnel Fuchsklinge, der an diesem Tag auf dem Programm der Besichtigungstour steht. "Viele meinen, dass die Tiere hier massenhaft an der Decke hängen", sagt Stierle. "Doch das ist nicht so. Die kriechen durch Lücken im Mauerwerk und verkriechen sich dahinter." Die wenigen Stellen, an denen Wasser in den alten Tunnel eindringt, beunruhigen den Planer im Gegensatz zu den Tieren weniger. "Klar, da müssen wir was sanieren", sagt er kurz und knapp.

Neben diesen ganz praktischen Problemen stehen denn doch ein paar eher theoretische auf der Agenda des Verantwortlichen in Sachen Hesse-Bahn. Denn immerhin gilt es ja, noch in diesem Jahr die Gründung des Zweckverbands Hermann-Hesse-Bahn über die Bühne zu bringen. Dann folgen die Planfeststellungsbeschlüsse für den Neubautunnel und den Begegnungsabschnitt nahe Ostelsheim. Der offizielle GVFG-Antrag für die Fördermittel vom Land schließt sich an. Und wenn der in trockenen Tüchern ist, stehen die konkreten Planungen für das komplexeste Bauwerk des Projekts an: den Neubautunnel nahe Ostelsheim.

Viel Praktisches zu tun also für Michael Stierle in den nächsten Monaten. Kein Wunder also, dass die politischen Querelen mit dem Nachbarkreis für ihn da ganz weit weg sind.