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Calw Glücksspiel macht so süchtig wie Heroin

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Glücksspiel kann genauso süchtig machen wie Heroin, sagt Holger Urbainczyk. (Symbolfoto) Foto: Wüstneck

Calw - Holger Urbainczyk hat in seinem Leben vieles getan, worauf er alles andere als stolz ist. Verbrechen, Lügen, Ausbeutung zählen zu seiner Biografie. Der Sozialarbeiter war jahrelang spielsüchtig. Jüngst sprach er darüber bei einem Fachvortrag in der Calwer Fachstelle Sucht.

Wenn Holger Urbain­czyk sich vorstellt, erklärt er nicht selten, er sei 13 Jahre alt. Durchaus nachvollziehbar – denn 2004 wurde er gewissermaßen neu geboren. Damals gelang es ihm endlich, dem Glücksspiel abzuschwören – und somit einen Trümmerpfad zu verlassen, der ihn und auch Menschen, die er liebte, beinahe in den Abgrund geführt hätte. Heute klärt er über die Gefahren dieser Sucht auf, die er selbst für genauso gefährlich hält wie die Abhängigkeit von Heroin.

Urbainczyks Geschichte beginnt in Bielefeld, wo der Sozialarbeiter geboren wird. Als er sechs Jahre alt ist, verlässt der Vater die Familie, lässt ihn mit seiner Mutter und zwei Geschwistern zurück. Etwa zwei oder drei Jahre später – daran erinnert sich Urbain­czyk nicht mehr so genau – verliert er seinen Vater endgültig: er stirbt.

Geborgenheit erlebt der heute 50-Jährige seine ganze Kindheit hindurch nur bei gemeinsamen Spielen im Kreis seiner Familie. "Und das Problem war, dass wir immer um Geld gespielt haben", sagt der Sozialarbeiter nachdenklich.

Alles, was er verdient, wandert in Automaten

Im Alter von 14 Jahren kommt er erstmals mit gefährlichem Glücksspiel in Kontakt. Sein Bruder arbeitet zu dieser Zeit in einer Gaststätte, steckt ihm hin und wieder Geld zu, um es in Spielautomaten zu versenken. Bis er 18 Jahre alt wird, ist das Spielen noch kein Problem – doch dann erhält er Zutritt zu Spielhallen. Und das Unglück nimmt seinen Lauf. "Mit fünf Mark bin ich damals reingegangen, mit 50 wieder raus", erzählt Urbainczyk. "Ich weiß nicht mehr viel aus meiner Vergangenheit, aber daran erinnere ich mich ganz genau." Noch heute kann er berichten, wo welche Automaten in jener Spielhalle standen, die Geräusche hat er noch im Ohr. Die Grundlage für sein Suchtgedächtnis ist geschaffen.

Der Sozialarbeiter absolviert zu dieser Zeit eine Ausbildung als Koch. Doch alles, was er verdient, wandert in die Automaten. Meist ist sein gesamtes Geld nach zwei oder drei Tagen weg. Erst als er seine erste Frau heiratet, schafft er es erstmals wieder, auf das Spielen zu verzichten – ganze sechs Wochen lang.

Erst schleichend, dann immer extremer beginnt er wieder die Automaten zu füttern. Um nicht aufzufliegen erzählt er seiner Frau, er sei bei Freunden oder beim Fußball, obwohl seine gesamte Freizeit sich nur noch ums Spielen dreht. Langsam beginnt ein Schuldenberg anzuwachsen; er nimmt Kredite auf, bezahlt die Raten für die Kredite mit anderen Krediten. Irgendwann reicht das Geld nicht mal mehr, um seine Versicherungen zu bezahlen.

Um über die Runden zu kommen, behauptet Urbain­czyk, der mittlerweile bei der Bundeswehr arbeitet, seine Frau müsse die Rechnungen bezahlen, da er während der Banköffnungszeiten immer Dienst leisten müsse. EC-Karten sind zu dieser Zeit noch kein Thema, Geld gibt es nur am Schalter.

Doch irgendwann ist der Ofen aus: Die Frau des Sozialarbeiters geht finanziell auf dem Zahnfleisch, erklärt, er müsse endlich zur Bank, sie selbst habe kein Geld mehr. Auch von anderen Seiten steigt der Druck immer mehr. Banken, Freunde, Bekannte, alle, von denen er sich etwas geliehen hat, fordern es zurück. Gemeinsam mit einem Bekannten plant er schließlich einen Raubüberfall auf eine Spielhalle – unmaskiert und mit einem Messer.

Der Überfall geht schief, das Geld ist in einem Tresor gesichert. Ohne Beute fliehen die beiden. Doch noch immer braucht Urbainczyk Geld. Und so überfällt er wenig später mit einem Messer einen Imbiss – während er einen Bundeswehrpullover mit seinem Namensschild trägt. "Der Polizist hat gefragt: ›Warum haben Sie nicht gleich Ihren Personalausweis hinterlegt?‹", erzählt er.

Erwischt wird der 50-Jährige jedoch schließlich wegen des ersten Überfalls – weil er dieselbe Spielhalle, die er ausrauben wollte, nochmals aufsucht, um dort zu spielen. Ein dilettantisches Verhalten, das vor allem eines ausdrückt: wie verzweifelt, orientierungs- und ratlos Urbainczyk zu dieser Zeit seines Lebens ist.

Problem bleibt unbehandelt

Vor Gericht hat er jedoch Glück: Der Richter verurteilt ihn lediglich zu zwei Jahren Haft, die zur Bewährung ausgesetzt werden. Eigentlich zu wenig für solche Verbrechen.

Für den Sozialarbeiter eine Chance, zumindest zeitweise aus dem Sumpf zu kommen, in den er geraten ist. Sechs Jahre bleibt er spielfrei, seine Frau teilt für ihn das Geld ein, muss auf seinen Schecks mit unterschreiben. Das Problem: Urbainczyk ist nur das Suchtmittel entzogen worden, seine Sucht bleibt aber unbehandelt.

Und so beginnt er irgendwann wieder heimlich Geld beiseite zu schaffen. Tricks kennt der Sozialarbeiter mittlerweile genug. Seine Sucht lässt ihn beinahe skrupellos werden. Auch, wenn er seine vielleicht schlimmste Tat in letzter Sekunde abbricht: den Versuch, das Haus seiner Schwiegereltern zu verkaufen, während er diese mit seiner Frau in einen Wellnessurlaub schickt. Um Interessenten in dieser Zeit das Haus zu zeigen. "Mir hat nur noch eine Unterschrift gefehlt", berichtet der 50-Jährige. Letztlich erkennt er jedoch noch rechtzeitig, was er anrichtet. Er beichtet seiner Frau, was er getan hat; sofortige Trennung und später die Scheidung sind die Folgen.

Urbainczyk rutscht weiter ab, spielt von morgens bis abends an zehn Automaten gleichzeitig. Er verdient zeitweise bis zu 4500 Euro netto pro Monat; dennoch lebt er oft nur von Weißbrot, Marmelade und Zigaretten. "Ein Spieler, der pathologisch spielt, kann nicht gewinnen", betont er. Sein Schuldenberg wächst bis auf 80 000 Euro an. Um an zusätzliches Geld zu kommen, spricht er über Internet-Chats gezielt Frauen an, mindestens vier oder fünf erleichtert er um je 1000 Euro.

Irgendwann reicht es dem Sozialarbeiter, er ist psychisch am Ende. Doch sein Hausarzt kann ihm nicht helfen, schickt ihn zum Psychologen. Dieser kann mit der Problematik ebenfalls nichts anfangen und rät ihm, sich vom Amtsgericht entmündigen zu lassen. Für Urbainczyk eine unerträgliche Vorstellung. Sein Hausarzt überweist ihn schließlich wegen Depressionen und Selbstmordgedanken in eine Klinik. Die letzte Chance, wie der 50-Jährige sagt. "Für mich war klar: Wenn die mich auch wegschicken, dann fahre ich mit meinem Auto gegen einen Pfeiler."

Zehn Wochen bleibt er in Behandlung. Und plötzlich, am 1. Mai 2004, ist für Urbainczyk Schluss mit dem Spielen. "Fragen Sie mich nicht, wie ich das geschafft habe, ich weiß es nicht", erklärt er. Sicher ist für ihn nur, dass er sich in dieser Zeit an einer Weggabelung befand: "Leben oder sterben. Ich habe mich für das Leben entschieden."

Der Sozialarbeiter lernt wieder Fuß zu fassen, entzieht sich seinem Umfeld und nach Freiburg um, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Nach einer Operation wird ihm 2009 eine Umschulung angeboten: Er solle doch Sozialarbeit studieren. Für den gelernten Koch, der nur einen Hauptschulabschluss vorweisen kann, eine unglaubliche Chance. Über eine Begabtenprüfung schafft er es, tatsächlich einen Studienplatz zu bekommen. Sein Leben hat sich gewendet.

Und dennoch ist ihm eines bewusst: Seine Sucht kann wiederkehren. "Wenn ich heute nur einen Euro in einen Automaten stecke, ist es vorbei", sagt er. Denn Spielen sei wie die Flucht in eine andere Welt, in der es auch gar nicht ums Geld gehe. Er habe sich geborgen gefühlt.

Insgesamt bis zu 500 000 Euro verzockt

"Es war ein ganz tolles Gefühl, wenn das Geld weg war", erzählt der Sozialarbeiter. Erst dann sei der Druck weg gewesen. Insgesamt, so schätzt Urbainczyk, habe er zwischen 300 000 und 500 000 Euro verspielt.

Heute ist der 50-Jährige wieder verheiratet und hat eine kleine Tochter. Ganz geheilt sein wird er aber wohl nie. Mit seiner Frau habe er deshalb eine klare Regelung getroffen: Sollte er 24 Stunden am Stück nicht erreichbar sein, oder sollte Geld verschwinden, und er es nicht erklären können, dann müsse sie das Kind nehmen und so schnell und so weit weg wie möglich verschwinden. Denn: "Wenn ich in den Spielmodus komme, zerstöre ich alles um mich herum", sagt er.

Calw

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  Rund 78 Prozent der 16- bis 65-Jährigen in Deutschland haben sich mindestens einmal in ihrem Leben an einem Glücksspiel beteiligt.

  Bei mehr als 500 000 Menschen in der Bundesrepublik liegt das Spielverhalten in einem kritischen (süchtigen) Bereich. Hinzu kommen laut Sozialarbeiter Holger Urbainczyk schätzungsweise vier Angehörige, die durchschnittlich mit unter den Problemen leiden. Betroffen sind somit (mindestens) 2,5 Millionen Menschen.

  20 Prozent der pathologischen Glücksspieler begehen Selbstmordversuche, 95 Prozent haben eine zusätzliche psychische Störung.

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