Kreis Calw Landtagswahl: AfD zieht aus dem Stand in Landtag ein

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Bei der AfD in Nagold stieß Kandidat Heinrich Kuhn auf das gute Wahlergebnis an. Foto: Fritsch/Cools

Kreis Calw - Glücksgefühle bei Grünen, FDP und der AfD, abgrundtiefe Enttäuschung bei den ehemals Großen von CDU und SPD. Der Wahlabend im Kreis Calw war einer der extremen Gegensätze.

Wie grün wird Baden-Württemberg? Schafft Johannes Schwarz den Einzug in den Stuttgarter Landtag? Diese Fragen stehen den Zuschauern im Schwarzen Schaf in Ottenbronn ins Gesicht geschrieben.

Grüne: Riesiges Ergebnis

Kurz nach 18 Uhr wird die erste Hochrechnung auf die Leinwand geworfen. Die Kneipe ist fest in der Hand von Bündnis 90/Die Grünen-Anhängern. Sie wärmen sich mit heißer Suppe und Knoblauchbrot. Auch die ersten Ergebnisse, wonach die Grünen mit mehr als vier Prozentpunkten vor den Christdemokraten liegen, sind mehr als wohltuend.

Der grüne Landtagskandidat aus Stammheim wirkt fast in sich gekehrt und macht sich in aller Ruhe auf einem kleinen Zettel immer wieder Notizen. Noch steht nicht fest, wie viele Stimmen Schwarz geholt hat. Um 20 Uhr ist klar: Kreisweit hat Schwarz das zweitbeste Ergebnis mit fast 19 000 Stimmen erreicht, was 24,3 Prozent entspricht. Zu diesem Zeitpunkt weiß der 45-Jährige noch nicht, ob er den Sprung in den Landtag geschafft hat. Glücklich ist er trotzdem. "Vor sechs Wochen hätten wir noch nicht zu träumen gewagt, dass wir vor der CDU liegen werden. Das ist ein riesiges Ergebnis", sagt Schwarz. Sein erster Dank gilt dem Wahlkampfteam. Die nüchterne, unaufgeregte Art des Regierens sieht er als Grund für das gute Ergebnis. Schwarz macht sich in diesem Moment weniger Gedanken darüber, ob es für ein Mandat gereicht hat. Sorgen macht ihm der Einzug der AfD in alle drei Länderparlamente: "Das ist sehr beunruhigend, und dem muss man sich stellen." Trotz des eigenen guten Ergebnisses stimme der Erfolg der Rechtspopulisten sehr nachdenklich: "Die Demokraten müssen jetzt gut zusammenarbeiten."

CDU: Starke Verluste

Der Schreck, das ist im Telefonat mit unserer Redaktion zu spüren, sitzt Thomas Blenke in den Knochen. "Das ist für uns eine schlimmes Ergebnis, und das tut sehr weh", sagt der CDU-Landtagsabgeordnete. Und: "Wir haben verstanden und werden versuchen, das verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen." Mit so starken Verlusten habe er nicht gerechnet.

Blenke sieht zwei Ursachen: die Popularität von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und die Erfolge der AfD. Immerhin sei es ihm gelungen, sein Direktmandat zu halten. Zudem sei eine erneute Grün-Rote Koalition verhindert worden.

Angesichts der Umfragewerte herrscht bei der CDU, die sich in der "Krone" in Wildberg zusammengefunden hat, vor der erste Prognose noch eine relativ gelöste Stimmung. Als die Zahlen dann über den Bildschirm laufen, ist dann doch so etwas wie ein Schock zu spüren.

Ganz offensichtlich hatte man im Lager der Union doch noch darauf gesetzt, dass die CDU näher an die Grünen ­heranrückt, vielleicht sogar stärkste Partei wird. Diese Hoffnung ist gestorben. "Begeistert sind wir natürlich nicht", versucht sich Kreisgeschäftsführerin Ursula Pfrommer in Ironie.

SPD: Steinrode enttäuscht

Der Stachel sitzt tief, und er tut weh. Die Enttäuschung ist Daniel Steinrode ins Gesicht geschrieben. In seiner Heimatstadt Nagold, wo er auch im Gemeinderat sitzt, liegt er noch hinter dem Kandidaten der AfD. Das trifft ihn persönlich. Und er sucht die Schuld an seinem Ergebnis und an dem der Partei auch nicht bei anderen. "Ich schiebe die Schuld nicht aufs Land. Ich sehe das Problem auch bei mir persönlich. Ich muss mir da wirklich Gedanken machen", sagt er auf der Wahlparty im Sportheim in Vollmaringen, wo er auch Ortsvorsteher ist. "Wenn ich in Nagold so ein Ergebnis einfahre, dann war mein Wahlkampf einfach nicht gut."

Dabei hatte der Abend so positiv begonnen. Schon früh strömen Steinrodes Anhänger zur Party. Die Stimmung ist angespannt, aber fröhlich. Er sei mit seinem Wahlkampf zufrieden, sagt ein merklich nervöser Daniel Steinrode. "Ich habe wirklich gekämpft." Als im Fernsehen die Prognose für die CDU bekannt gegeben wird, kann sich der SPD-Kandidat ein zufriedenes "Ja" nicht verkneifen. Doch der Tiefschlag kommt nur wenige Sekunden später. Seine Partei auf Augenhöhe mit der AfD. Die Mienen seiner Getreuen frieren ein. Nicht nur das eigene Ergebnis lässt die Genossen immer wieder die Köpfe schütteln. Es ist auch das Ergebnis der AfD, das fast schon für Entsetzen sorgt. "Das ist furchtbar", sagt Steinrode.

Auch wenn zu diesem Zeitpunkt nicht feststeht, ob er nicht doch in den Landtag einzieht, fasst Steinrode seine Gefühlslage kurz und knapp zusammen: "Ich bin mega-enttäuscht." Seine betretene Miene hellt sich erst ein wenig auf, als er das Ergebnis aus Vollmaringen erfährt und zum "Kanzler von Vollmaringen" ausgerufen wird. In seinem Ort hätte er das Direktmandat geholt.

AfD: Kuhn schafft es

Fanatische Ausrufe und donnernder Applaus? Wer das bei der Wahlparty der AfD im Hotel Adler in Nagold erwartet hat, der wird enttäuscht. Die rund 15 Sympathisanten gleichen einer gemütlichen Herrenrunde. Der Fernseher scheint nur Nebensache zu sein. Kandidat Heinrich Kuhn wirkt entspannt. "Ich erwarte den Einzug in den Landtag. Eigentlich wollte ich von Zahlen Abstand nehmen, aber 12 Prozent plus x wären schön. Wir wollen das Dutzend voll machen", sagt er positiv gestimmt, während er geduldig auf die Hochrechnung wartet. Es sei schon ein toller Erfolg, in drei Ländern im Landtag vertreten zu sein –­ das könne man ja bereits sagen. Weniger leicht werde die Überlegung, wie die konstruktive Arbeit der AfD im Landtag geschehen könne bei so viel Anfeindungen. Er wünscht sich mehr Respekt untereinander anstatt Kampfmentalität. Als dann die 12,5 Prozent-Hochrechnung für Baden-Württemberg kommt, sagt Kuhn feixend: "Was habe ich gesagt? 12 plus." Laute Freudenschreie bleiben aus. Die Partei-Anhänger nicken sich anerkennend zu und stoßen an.

Kurz vor 23 Uhr ist dann endgültig klar: Heinrich Kuhn hat es geschafft. Neben Thomas Blenke wird auch er im Landtag sitzen. Der Kreis Calw hat also wieder zwei Landtagsabgeordnete.

FDP: Echt happy

"Mensch, wir haben die 50 Prozent wieder nicht geschafft." Lautstarkes Lachen empfängt den, der die FDP-Wahlparty im Nagolder "Almstadl" betritt. Die Stimmung der Liberalen ist ausgelassen, Kandidat Herbert Müller euphorisch. "Acht Prozent plus war meine Prognose, und ungefähr da sind wir gelandet. Wenn’s so bliebe, wäre das ein Riesenerfolg", sagt er zufrieden. Gefeiert hätte man aber so oder so, "egal, wie es ausgeht". Es sei ein fairer, schöner Wahlkampf gewesen, bei dem jeder jedem den Erfolg gegönnt hätte – außer natürlich einer Partei, fügt er hinzu. Immer wieder kommen FDP-Anhänger her und gratulieren ihm: "Das hast du gut gemacht." Rund 20 heitere Sympathisanten stoßen an. Mancher mahnt trotzdem an, jetzt unbedingt dranzubleiben. Geradezu erschreckend findet Müller das Ergebnis der AfD. Dennoch kann ihm an diesem Abend keiner das Strahlen nehmen. "Ich bin echt happy."

  
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