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Bore-out-Syndrom Wenn Langeweile krank macht

Johanna Uchtmann, vom 13.01.2012 15:41 Uhr
Bore-out-Syndrom. Das weniger bekannte Kontrast-Phänomen zum Burn-out ist das Bore-out. Foto: dpa
Bore-out-Syndrom. Das weniger bekannte Kontrast-Phänomen zum Burn-out ist das Bore-out. Foto: dpa

E-Mails sortieren, Aktenstapel von rechts nach links räumen, wahllos in Dokumenten herumtippen - Geschäftigkeit vortäuschen ist harte Arbeit. So hart, dass sie auslaugen kann. Im schlimmsten Fall bis zum Bore-out, dem Syndrom der Unterforderten. Bore-out kommt von boredom, zu Deutsch Langeweile. „Unsere Gesellschaft ist gewissermaßen geteilt: Burn-out haben die Erfolgreichen. Die bekommen das ganze Interesse”, sagt der Psychotherapeut Wolfgang Merkle aus Frankfurt. „Menschen mit Bore-out werden weniger beachtet, obwohl sie fast die gleichen Symptome haben.” Bore-out kann sich laut Merkle durch Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit, Schlafstörungen oder die Unfähigkeit, das Leben zu genießen, bemerkbar machen. „Da ist oft zuerst so ein dumpfes Empfinden im Hintergrund, dass irgendetwas falsch läuft”, erläutert er. Auch unter körperlichen Symptomen könnten Betroffene leiden, zum Beispiel unter Magenbeschwerden, Schwindel, Tinnitus oder Kopfschmerzen.

Der Unterschied zum Burn-out sei, dass die Erschöpfung durch den Stress der Unterforderung, nicht der Überforderung verursacht wird. Unterstress entstehe durch zu wenige und falsche Aufgaben. Diese Fehlbelastung veranschaulicht Merkle so: „Das ist, als müsste ein sehr guter Schachspieler immer nur Mühle und Dame spielen.” Die Diskrepanz zwischen dem, was man kann, und dem, was abgefragt wird, ergibt in Kombination mit fehlender Anerkennung Stress.

Qualitative und quantitative Unterforderung sind meist Auslöser

Als Beispiel für einen Bore-out-Fall schildert der Schweizer Unternehmensberater und Buchautor Peter Werder eine typische Erlebniskette: Ein Bewerber erwartet von seinem neuen Job aufgrund der Ausschreibung und des Bewerbungsgesprächs eine Position als Projektleiter mit internationaler Erfahrung. „Am Schreibtisch stellt sich aber heraus, dass er nicht die Projektleitung hat, sondern nur eine Unterabteilung leitet, und dass er auch nur manchmal ein bisschen Englisch sprechen muss.” Er ist quantitativ und qualitativ unterfordert. Am Anfang ist das nicht schlecht, die freie Zeit bei der Arbeit genießt er sogar und gewöhnt sich daran. „Aber man ist eben unterfordert. Und die eigentliche Schwierigkeit ist zu realisieren, dass das der Grund ist, warum man am Abend müde ist.”

Auch ein Arbeitnehmer, der immer nur Teilaufgaben erledigen muss, könne an Bore-out erkranken, ergänzt Jörg Feldmann von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Denn aus psychologischer Sicht sei es langfristig wichtig, auch mal Erfolgserlebnisse zu haben und Dinge abzuschließen.

Aktionismus soll Nichtstun kaschieren

Qualitative und quantitative Unterforderung gehen laut Werder miteinander einher. „Ohne eine quantitative Unterforderung müsste man ja schließlich keine Verhaltensstrategien anwenden.” Und die gehören zum Bore-out dazu. Mit Verhaltensstrategien meint er den Aktionismus der Betroffenen, der das Nichtstun kaschieren soll. Eine davon sei paradoxerweise die Burn-out-Strategie, bei der Bore-out-Geplagte ihr Problem gewissermaßen ins Gegenteil umkehren und von früh bis spät im Büro sind, um Überlastung zu simulieren. Es stimmt daher nicht, dass Betroffene einfach nur faul sind. „Wer Bore-out hat, will ja arbeiten und leidet darunter, dass er es nicht kann”, sagt Werder. Laut Merkle trifft es daher in der Regel sogar eher die Leistungsbereiten.

Bemerken Arbeitnehmer, dass ihr Büroalltag in diese Richtung driftet, sollten sie möglichst früh das Zepter in die Hand nehmen, rät Merkle. Eine Lösung könne Teilzeitarbeit sein, ergänzt Werder. Ist die Erschöpfungsdepression schon eingetreten, sollten Betroffene die Symptome ihrem Hausarzt schildern, rät Merkle. Der schicke ihn wahrscheinlich zu einem Facharzt für psychosomatische Medizin. „Das kann mit ein bis zwei Gesprächen pro Woche schon geklärt werden.” Manchmal helfe aber nur die Kündigung.

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