Börse Das schnelle Geld birgt erhebliche Risiken

Rolf Obertreis, 08.08.2012 11:00 Uhr

Frankfurt - Computerprobleme und eine ­offenbar fehlerhafte Software führten kürzlich dazu, dass der US-Finanzdienstleister Knight Capital massenhaft falsche Handelsaufträge schrieb. Das Unternehmen saß auf einmal auf einem Berg viel zu teuer gekaufter Aktien. Mit 400 Millionen Dollar (322 Millionen Euro) musste die Firma gerettet werden. Der Vorfall zeigt die Risiken beim Einsatz von Computern an der Börse. Die bestehen auch beim Hochfrequenzhandel, bei dem Wertpapiere in Sekundenbruchteilen ge- und verkauft und Milliarden hin und her geschoben werden. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will diesen bisher kaum kontrollierten Bereich jetzt mit einem Gesetz regulieren. Marktteilnehmer begrüßen die Initiative. Hier die wichtigsten Fragen und Antworten.


An den Börsen wird längst mit Computern gehandelt. Was ist das Besondere am Hochfrequenzhandel?
Es geht um Schnelligkeit. Dabei nutzen Banken und Wertpapierfirmen verschiedene Strategien: Per Computer werden laufend Preisunterschiede für Wertpapiere an verschiedenen Börsen analysiert. Schon bei Differenzen von wenigen Cent winken satte Gewinne, weil es in der Regel um große Aufträge geht und pro Tag etliche Geschäfte getätigt werden. An Börse A wird günstig gekauft, an Börse B teurer verkauft. Oder es werden historische Daten analysiert und daraus Schlüsse für die Kursentwicklung gezogen. Dies alles spielt sich in weniger als einer Sekunde ab. In der Spitze wird ­zwischen 250 und 300 Mikrosekunden, also innerhalb von einer viertel Sekunde ­gehandelt.

Welchen Umfang hat der Hochfrequenzhandel?
An der Deutschen Börse entfallen 45 bis 50 Prozent des Auftragsvolumens auf den Hochfrequenzhandel und das sogenannte Algo-Trading, bei dem Computer Börsengeschäfte ebenfalls mit hoher Geschwindigkeit abwickeln. Rund ein Viertel der bei der Deutschen Börse registrierten Banken und Finanzdienstleister praktizieren den schnellen Börsenhandel. In den USA sollen bereits 70 Prozent der Aktienumsätze durch superschnelles Handeln erfolgen.

Welche Folgen hat der Hochfrequenzhandel?
Einerseits wird behauptet, er sorge für mehr Liquidität an den Börsen und letztlich auch für faire Preise. Andererseits führe er zu deutlich höheren Kursschwankungen, fördere damit die Spekulation. Der Hochfrequenzhandel sei ein Gefahrenherd, der Übertreibungen am Markt und Krisenentwicklungen an der Börse verstärken könne, sagt Elke König, Präsidentin der Finanzaufsicht Bafin (Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht). Klar ist: Beim Hochfrequenzhandel geht es um den superschnellen Gewinn.

Gibt es derzeit gesetzliche Regeln für den Hochfrequenzhandel?
Faktisch nicht, deshalb hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble jetzt auch den Entwurf für ein „Gesetz zur Vermeidung con Gefahren im Hochfrequenzhandel“ vorgelegt. Bafin-Chefin Elke König fordert wie bei schnellen Autos, für die sich die Hersteller auf eine Tempo-Beschränkung von 250 Kilometer verständigt haben, auch eine Regulierung für den superschnellen Handel. Anfang 2010 pochten bei einer Umfrage des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zwei Drittel von rund 200 befragten Finanzexperten auf verschärfte Regeln. 70 Prozent sahen im Hochfrequenzhandel eine Gefahr für die Finanzstabilität.

Was sagen die Börsenbetreiber?
Sie machen sich schon länger Sorgen. Der Hochfrequenzhandel könnte ihre Systeme überlasten und zeitweise zum Stillstand bringen. Deshalb hat die Börse Stuttgart Obergrenzen für die Eingaben von Orders (Kauf oder Verkauf von Wertpapieren) eingezogen. Marktteilnehmer, die sich nicht daran halten, werden im Extremfall vom Handel ausgeschlossen. An der Frankfurter Börse müssen Hochfrequenzhändler, die pro Tag eine bestimmte Obergrenze von Wertpapieraufträgen einstellen, seit März höhere ­Gebühren zahlen. Mit solchen Vorgaben will man einen „Flash Crash“ wie 2010 an der Wall Street verhindern: Damals stürzte der Dow Jones innerhalb von Minuten um 1000 Punkte ab, ohne dass es einen äußeren Anlass gegeben hatte. Hochfrequenzhändler hatten die Börse mit Verkaufsaufträgen überflutet.

Wo gibt es Missbrauch?
Nach Angaben von Experten wie auch von Bafin-Chefin Elke König geben Hochfrequenzhändler sehr oft Kaufaufträge ab, kaufen aber dann doch nicht. Damit werde aus Eigeninteresse der Preis getrieben, um die Aktie dann doch zu verkaufen, statt zu kaufen. So wird der Markt faktisch manipuliert, auch zum Nachteil von Kleinanlegern, Pensionskassen, Lebensversicherungen und Investmentfonds.

Was soll das geplante Gesetz bewirken?
Hochfrequenzhändler sollen künftig von der Bafin beaufsichtigt werden. Sie müssen ihre Rechner, Handelssysteme und die Organisation so ausrichten, dass sie den Markt nicht stören. Marktmanipulation etwa durch Kaufaufträge, die wieder storniert werden, sollen bestraft werden. Auch eine Finanztransaktionssteuer würde den Hoch­frequenzhandel belasten.

Wann treten die Regelungen in Kraft?
Das ist unklar. Zunächst sollen die Verbände der Kreditwirtschaft Stellung nehmen, dann muss der Bundestag den Entwurf beraten. Schäuble prescht mit der Initiative vor. Der europäischen Finanzdienstleistungsrichtlinie MiFiD zufolge sind europaweite Regelungen für den Hochfrequenzhandel erst 2015 vorgesehen. Überhaupt stellt sich die Frage, ob es nicht globaler Vorschriften ­bedarf.

Was sagen Börsen und Marktteilnehmer?
Es ist für alle Akteure gut, dass jetzt Rechtssicherheit im Umgang mit Hochfrequenzhändlern geschaffen werde, heißt es bei der Deutschen Börse. Christoph Boschan, Geschäftsführer der Börse Stuttgart, spricht von einem sehr nützlichen Vorstoß, gerade aus Sicht einer Privatanlegerbörse.
 
 
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