Von Christoph Holbein

Bitz. Das Fußballspiel ist in vollem Gange. Peter rennt mit dem Ball, da stellt ihm Paul ein Bein. Peter fällt hin, steht wütend wieder auf und schubst Paul zu Boden. Dass ein solcher Konflikt auch anders zu lösen ist, erfahren die Drittklässler der Lichtensteinschule.

Die Bitzer Schüler sitzen an diesem Morgen im Kreis zusammen und spielen in Rollenspielen solche Situationen durch. Das ist Teil des Projekts Soziales Lernen, das in Zusammenarbeit mit dem Erzbischöflichen Kinderheim Haus Nazareth in Sigmaringen in der Klasse drei läuft. Anlass sind die Streitereien, die in der Klasse vorgekommen sind. "Da habe ich mir überlegt, damit solche Konflikte nicht während der Unterrichtszeit geklärt werden müssen und nicht weitere Streitigkeiten passieren, mir Hilfe von außen zu suchen", erläutert Rektorin Sandra Endlichhofer. Diese Hilfe fand sie im Angebot des Hauses Nazareth mit dem Ziel, dass die Schüler sensibler miteinander umgehen und die Kinder Rüstzeug an die Hand bekommen, Streit zu vermeiden. "Es hat eine andere Wirkung, wenn jemand von außen kommt", betont Endlichhofer.

So sprechen die Drittklässler über Gefühle, lernen, leise zu sein, dem anderen zuzuhören, sich zu entschuldigen und auf die Stimmung des Gegenüber zu achten. Das alles haben sie in ihren großen "Rucksack" gepackt, um es bei Bedarf herauszuholen, und sie haben erfahren: "Jeder sollte vorsichtig sein, mit dem, was er sagt." Um Gefühle geht es auch im Buch "Was ist bloß mit Anne los", das Sabine Hohnwald vom Haus Nazareth mit den Kindern durchblättert und dabei in die Runde fragt, wie sich Anne etwa bei einem Streit fühlt.

Da Streitigkeiten in der Klasse der Anlass waren, soziales Lernen zu thematisieren, erörtern die Kinder, wie Streit entsteht und suchen nach Lösungen. Kooperationsspiele sollen dabei den Einzelnen stärken. Die Rollenspiele reißen verschiedene Situationen im Unterricht und in der Pause an, um daraus zu lernen, wie man sich richtig verhält. "Ich habe schon das Gefühl, dass dieses Projekt in kleinen Schritten etwas bewirkt", meint die Rektorin. Sie will sehen, wie sich die Sache entwickelt, um dann zu überlegen, ein solches Angebot auch in anderen Klassen einzusetzen. Die Maßnahme in der Klasse drei ist somit ein "Pilotprojekt" für die Schule.

Derweil spielen die beiden Schüler die Situation beim Fußballspiel noch einmal vor, so dass kein Streit entsteht: Der eine hilft dem anderen auf und entschuldigt sich. Und Lena und Nicole lernen, sich nicht über die schlechte Note des anderen lustig zu machen, sondern ihm zu helfen etwa bei den Hausaufgaben, damit er den Stoff besser versteht. Dabei ist es wichtig, seinen Stolz wegzupacken und diese Hilfe gerne anzunehmen.

Erste Erfolge sind schon zu erkennen

Erste Erfolge vermeldet Bettina Landenberger vom Haus Nazareth: "Die Kinder lernen ganz viel und erinnern sich gegenseitig daran. Das Klima in der Klasse entwickelt sich zum Guten." Ob es weiteren Bedarf in der Lichtensteinschule gibt, erfährt Landenberger in der Sprechstunde, die sie wöchentlich für Schüler, Eltern und Lehrer, immer donnerstags von 10.50 Uhr bis 11.50 Uhr, anbietet. Im Rahmen der Kooperation des Hauses Nazareth mit der Grundschule möchte Landenberger auch mehr Arbeitsgemeinschaften offerieren. Computer- und Technikraum sowie Küche stehen dafür zur Verfügung. Das ist angedacht für nach Weihnachten.

"Cool" findet die achtjährige Lena das Projekt. Vor allem die Rollenspiele gefallen ihr: "Das bringt etwas und ist toll." Aufeinander Rücksicht zu nehmen, sich gegenseitig zu vertrauen und zusammenzuarbeiten, hat sie gelernt. "Wir streiten uns nicht mehr so oft in der Klasse", meint der achtjährige Tobias. "Das war vorher schlimm, wir haben uns ständig geprügelt. Das hat sich ein bisschen verbessert." Auch Tobias hat sein Verhalten verändert: "Nett zueinander zu sein, das ist das wichtigste." Ein Klassenrat, bei dem die gesamte Klasse im Kreis sitzt, der sich regelmäßig trifft und bespricht, soll den Zusammenhalt stärken. Zudem wird ein Kummerkasten aufgestellt.