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Bilfinger Berger „In der Wirtschaft ist jeden Tag Wahl“

Anne Guhlich, vom 13.02.2012 13:48 Uhr
Roland Koch legt am Montag erstmals als Chef von Bilfinger-Berger die Zahlen des Baukonzerns vor Foto: dpa
Roland Koch legt am Montag erstmals als Chef von Bilfinger-Berger die Zahlen des Baukonzerns vor Foto: dpa

Stuttgart - Am Montag stellt Roland Koch zum ersten Mal als Chef des Baukonzerns Bilfinger Berger die vorläufigen Jahreszahlen des Unternehmens vor. Im Interview spricht der ehemalige hessische Ministerpräsident über den Wechsel in die Wirtschaft. Den Kontakt zu Bundeskanzlerin Merkel hat er nicht verloren.


Herr Koch, sind Sie des Geldes wegen in die Wirtschaft gegangen?

Dann hätte ich versucht, diesen Schritt viele Jahre früher zu machen. Mit der materiellen Ausstattung war ich auch während meiner Zeit in der Politik zufrieden. Mich treibt nicht der Blick auf die Jahresbezüge an.

Welche anderen Vorteile Ihres neuen Jobs haben Sie dann überzeugt?
Das Wort Vorteil ist nicht der richtige Begriff. Ich war gerne und ja auch sehr lange Ministerpräsident. Der Unterschied meiner jetzigen Arbeit zum politischen Tagesgeschäft ist, dass sie stärker in Zahlen und anderen harten Faktoren messbar ist. Das ist einerseits eine Herausforderung, die ich hoffe zu bewältigen, andererseits aber auch ein Grund, warum ich die Welten gewechselt habe.

Wie hat sich das Arbeitspensum verändert?
Kaum. Es gibt die 80-Stunden-Woche hier und dort. Mein Wochenende ist jetzt aber nicht mehr so voll mit festen Terminen wie früher. Auch wenn immer viel Papierarbeit zu erledigen ist, kann ich diese Tage freier gestalten und manche privaten Kontakte wieder pflegen, die in meiner Zeit als Politiker zu kurz kamen.

Ihre Frau hat gesagt, dass auch Ihre Kinder kaum etwas von ihrem Vater hatten. Haben Sie ein schlechtes Gewissen?
Ich war oft besorgt, dass ich nicht genügend Zeit mit meiner Familie verbringe, und wollte es nie als normal empfinden, dass ich im Vergleich zu anderen Familienvätern selten zu Hause war. Meine freie Zeit habe ich deshalb immer sehr intensiv mit meiner Familie verbracht. Meine Söhne sind heute erwachsen und sagen, dass sie eine gute Beziehung zu mir haben. Unser Zusammenhalt ist prima, aber der Spagat zwischen Politik und Familie ist schwierig.

Für viele Politiker ist der Wechsel in die ­Wirtschaft schwer. Warum gelingt er nur ­wenigen?
Nicht jeder, der in der Politik ist, hat ein Interesse an einer führenden Position in der Wirtschaft. Mich dagegen haben schon immer Managementthemen interessiert. Also Fragen nach der Organisation einer Regierung, nach dem Zusammenwirken von Behörden und dem Zusammenführen von Menschen. Manche finden, dass ich darin gut bin, und sind das Risiko eingegangen, mir meine jetzige Aufgabe zu geben.

In der Sie erst mal fachfremd waren. Was war bei der Einarbeitung am schwierigsten?
Ab einer gewissen Managementstufe ist man in einem Unternehmen häufig fachfremd. Technisch komplexe Dinge – beispielsweise wie verschiedene Stähle reagieren – sind für einen Juristen nicht einfach zu verstehen. Die Tätigkeitsfelder reichen bei Bilfinger Berger von der Instandhaltung von Kraftwerken und Industrieanlagen über den Bau von Tunneln oder Offshore-Anlagen bis hin zu Magnetspulen für die großen Forschungsreaktoren in Europa. Da muss man bereit sein, eine Menge dazuzulernen. Zumal ich meinen Mitarbeitern nicht vermitteln möchte, dass ich nicht weiß, wovon sie reden.

Früher mussten Sie die Wähler überzeugen, heute ist es der Aufsichtsrat, der Sie im Amt bestätigt. Inwiefern verändert Sie das?
Ich hoffe nicht, dass mich das verändert, weil ich nach den gleichen Prinzipien wie früher arbeite. Aber der Rhythmus ist ein anderer: Während ich mich als Politiker auf bestimmte Zeiten einrichten konnte – etwa auf die Wahlperiode – , ist in der Wirtschaft jeden Tag Wahl. Die Investoren an der Börse entscheiden tagesaktuell, ob sie unsere Aktien kaufen oder nicht. Es ist eine Herausforderung, mit manchmal starken Kursschwankungen umzugehen.

Starke Kursschwankungen könnten durch eine strengere Marktregulierung gezügelt werden.
An der Börse wird mit erheblichem Aufwand jeden Tag versucht, die Zukunft vorherzu­sehen und auf dieser Zukunft Geschäfte aufzubauen. Wer das reguliert, stört den Steuerungsmechanismus von Märkten. Unser Wohlstand hängt auch davon ab, dass es die Märkte gibt. Auswüchse zu begrenzen bleibt aber natürlich Aufgabe der Politik.

Werden Sie bei solchen Fragen von der Bundeskanzlerin zurate gezogen, so wie Sie es bei Ihrem Rücktritt angekündigt hat?
Ich habe den Kontakt zu Angela Merkel nicht verloren.

Wie hat sich Ihr Blick auf die Politik verändert?
Ich kann nun besser nachvollziehen, warum Außenstehenden manch eine politische Entscheidung nicht einleuchtet. Noch kenne ich die handelnden Personen und die Geschichte der meisten Entscheidungen. Aber auch das verändert sich natürlich.

Viele Menschen können die Entscheidung, für Griechenland zu haften, nicht verstehen.
Natürlich fragen sich die Menschen, warum sie für Fehler von anderen einstehen sollen. Manche übersehen dabei, dass die finanziellen Folgen einer Nichtrettung für Deutschland gravierender wären als die Rettung. ­Gerade aus meiner heutigen Perspektive sehe ich die wirtschaftlichen Vorteile einer Währungsunion noch besser. Falls wir den Märkten signalisieren, dass es eine mangelnde ­Bereitschaft gibt, sich in Not zu helfen, würden sie dies spekulativ auch für andere Bereiche annehmen. Der Währungsraum würde sich verkleinern – zum Nachteil für die deutsche Wirtschaft.

Trotz der gesamtwirtschaftlichen Schwierigkeiten haben Sie ein gutes Geschäftsjahr hinter sich gebracht. Was erwarten Sie für 2012?
Im Herbst haben viele eine allgemeine Krise vorausgesagt. Diese Befürchtungen haben sich für Deutschland nicht bewahrheitet. Ich denke, dass es keinen Grund gibt, das neue Geschäftsjahr mit einem außergewöhn­lichen Pessimismus anzugehen.

Im Moment arbeiten Sie noch die Agenda Ihres Vorgängers ab. Womit werden Sie 2012 eigene Akzente setzen?
In einem erfolgreichen Unternehmen muss man keinen grundsätzlichen Wandel einleiten, nur um sich vor dem Vorwurf zu schützen, man würde die Projekte seines Vorgängers weiterführen. Wir haben die erste große Akquisitionsphase hinter uns, die uns von einem reinen Bauunternehmen zu einem Konzern gemacht hat, bei dem 80 Prozent des Umsatzes von Dienstleistungsbereichen und 20 Prozent im Baubereich erbracht werden. Jetzt geht es darum, die inneren Kräfte des Unternehmens zu vernetzen. Mit diesem Projekt wird meine Arbeit hier sicherlich verbunden sein.

Was ist darunter zu verstehen?
Wir wollen, dass Bilfinger Berger mit seinen Dienstleistungsangeboten deutlicher wahrgenommen wird und dass wir uns in der internen Organisation noch besser vernetzen. Dadurch werden neue Projekte und Produkte entstehen. Das gilt zum Beispiel für den Bereich der Nachhaltigkeit. Wir wollen mehr tun für Unternehmen, die den Energieeinsatz optimieren und den Rohstoffeinsatz reduzieren wollen.

Die Arbeitnehmervertreter loben die Zusammenarbeit mit Ihnen. So wollen Sie eine Stelle einrichten für Mitarbeiter mit familiären Problemen. Entdecken Sie in der Wirtschaft Ihre weiche Seite?
Legen Sie bitte alte Vorurteile zur Seite. Es stimmt, dass wir gerade eine Funktion eingerichtet haben zur Unterstützung von jungen Familien in ganz Deutschland. Wir helfen bei der Suche nach Krippenplätzen und haben bis in die Zentrale hinein die Möglichkeit, Kinder zu betreuen. Wir helfen aber auch, wenn es um das Thema Pflege von Angehörigen geht – ein Thema, das zu einer immer größeren Herausforderung wird. Das gehört zu einem attraktiven Arbeitsplatz dazu und auch zur Verantwortung eines Arbeitgebers.
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