
Ancona - Sieben Tropfen geweihtes Wasser am Morgen und sieben am Abend, und Krankheiten werden nachhaltig und beweisbar geheilt. Das verspricht zumindest Dottoressa Enza Maria Ciccolo. Die 71-jährige Diplombiologin aus dem mittelitalienischen Ancona verkaufte Wasser aus Marienheiligtümern – aus dem portugiesischen Fatima, aus Medjugorje in Bosnien, aus San Damiano und Montechiari in Italien und aus dem berühmten Lourdes im Südwesten Frankreichs. Für ein 100-Milliliter-Fläschchen kassierte Ciccolo 200 Euro. Bis die Polizei auf die Geschäftsfrau aufmerksam wurde.
Beamte der NAS, einer italienischen Sondereinheit zur Aufdeckung von Korruption und Betrug, untersuchten das Wasser und stellten fest, dass es sich um ganz ordinäres Leitungswasser handelt – immerhin schmackhaft und ungiftig.
4000 Heilwasser-Flaschen sichergestellt
Ob der Inhalt der 4000 Fläschchen, die in der Praxis der Seniorin sichergestellt wurden, tatsächlich aus sogenannten heiligen Quellen von Marienheiligtümern in ganz Europa stammt, konnte bei den chemischen Analysen nicht festgestellt werden. Ein Polizeisprecher vermutet jedoch, dass es sich um Wasser aus Ancona handelt.
Auf der Internetseite des florierenden Unternehmens heißt es, Ciccolo habe in Lourdes die Existenz von „weißem Licht“ im geweihten Wasser entdeckt. Dieses Licht, eine selten anzutreffende Substanz, habe hohe Heilungseffekte und biete eine wirksame alternative Möglichkeit, um selbst gravierende Krankheiten in den Griff zu bekommen – selbst gefährliche Tumore, Parkinson und Alzheimer. Es komme nur auf die richtige Dosierung an.
Mehr als 500 Personen fielen auf die Versprechungen herein. Jetzt wird gegen die Biologin ermittelt sowie gegen 38 weitere Personen, die der Signora dabei behilflich waren, ihre Praxis am Laufen zu halten.
Italiener glauben an Horoskope und Hellseher
Die Abzocke mit dem Wunderwasser ist in Italien kein Einzelfall. Im EU-Vergleich kommt es in keinem anderen Land zu so vielen Betrugsversuchen mit religiösem Hintergrund wie im tiefkatholischen Italien.
Nach Angaben des nationalen statistischen Instituts lesen in Italien 55 Prozent aller praktizierenden Katholiken regelmäßig Horoskope – und zwar weil sie daran glauben. 25 Prozent frequentieren Magier und Hellseher.
Die italienische Bischofskonferenz, die die Arbeit der NAS-Polizisten unterstützt, spricht angesichts des Interesses der Landsleute an Wunderheilern und Zauberern von einer „bedenklichen Situation“. „Italien muss in diesem Punkt missioniert werden“, heißt es in einem Schreiben.
Noch mehr dürfte die Geistlichen jedoch eine andere Statistik alarmieren: Italien ist innerhalb der Europäischen Union das Land mit den meisten Satansgruppen.
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