
Ludwigsburg - Egal, wie die Saison auch ausgehen wird, Alexander Reil wird sie ganz schnell vergessen wollen. Denn das, was der Clubchef von EnBW Ludwigsburg gerade erlebt, ist alles andere als vergnügungssteuerpflichtig. Im Gegenteil: Hätte Reil für jede schlechte Nachricht, die ihm in dieser Spielzeit überbracht worden ist, eine Kerbe in seinen Schreibtisch geschnitzt, er müsste sich mittlerweile einen Beistelltisch ordern.
„Natürlich lässt das einen nicht unberührt“, gibt der Boss der Ludwigsburger Bundesliga-Basketballer zu und denkt an so manch schlaflose Nacht. Die Geschehnisse der letzten Monate gehen allen Beteiligten an die Substanz, Spielern, dem Trainer und dem Vereinschef. Aus nachvollziehbarem Grund: Der Club befindet sich im freien Fall – und ein Ende der Misere ist nicht absehbar.
Rückblende: Erst verletzte sich zu Rundenbeginn Kapitän Jerry Green, danach der litauische Dreierkönig Donatas Zavackas, dann erklärte auch noch Hauptsponsor und Namensgeber EnBW seinen Rückzug zum Saisonende, und schließlich trennte sich der Club von Trainer Markus Jochum, weil der die Bindung zum Team verloren hatte. Das war alles noch vor dem Jahreswechsel. Doch wer in der Barockstadt dachte, dass der Negativtrend im neuen Jahr ein Ende nimmt, sah sich schnell getäuscht.
Steven Key, der vom Assistenzcoach zum Cheftrainer befördert wurde, schaffte die Wende nicht. Seine Bilanz ist noch schlechter als die seines Vorgängers. Der US-Amerikaner holte nur einen Sieg aus sechs Spielen. „Die entscheidenden Impulse“, die Key setzen wollte, blieben aus. Das Resultat: Die Mannschaft ist auf Platz 17 abgerutscht. Stünden die Korbjäger am Saisonende an selber Stelle, würden sie nur noch zweitklassig sein. Genau deshalb ist das Thema Abstieg in Ludwigsburg in aller Munde. „Es wäre wenig nachvollziehbar, wenn das anders wäre“, meint Reil. Doch am schlimmsten ist, dass die guten Nachrichten ausbleiben.
So ist zum Beispiel immer noch kein neuer Hauptsponsor in Sicht. „Wir sind nicht an der Stelle, an der wir realistisch sagen könnten, dass wir was haben“, bestätigt Alexander Reil. Die Suche gestaltet sich schwierig. „Wir verfallen zwar nicht in Panik, aber wir können ja auch nicht einfach das Telefon-Branchenbuch aufschlagen und drauflostelefonieren“, erklärt der Clubchef. Eines ist jedoch klar: Der neue Sponsor müsste den Geldbeutel richtig aufmachen. 600 000 Euro im Jahr kassierten die EnBW-Basketballer bisher vom Stromkonzern aus Karlsruhe – knapp ein Fünftel des Saisonetats. Und ohne neuen Geldgeber, daraus hat Reil nie ein Geheimnis gemacht, stehe der Bundesliga-Basketball in Ludwigsburg vor dem Aus.
Auch unter sportlichen Gesichtspunkten ist die Misere des Clubs offensichtlich: Die unglückliche 74:75-Niederlage am Sonntag bei TBB Trier ist das beste Beispiel. Ein Sieg war drin, doch letztlich verloren die EnBW-Korbwerfer zum vierten Mal in dieser Saison mit nur einem Punkt Unterschied. Wie immer wollte der letzte Wurf nicht rein. Pech? Unvermögen? Für Alexander Reil hat das mehrere Ursachen. „Eine wesentliche ist die Negativserie, in der wir stecken. Und, dass unsere Spieler die Situation spielerisch lösen wollen, anstatt kämpferisch zuzulegen.“
Hinzu kam auch noch ein neuer Ausfall: Center John Bowler, bis jetzt einer der konstantesten Spieler, verletzte sich in der Vorwoche am Knie und fällt für die restliche Saison aus. Immerhin konnten die Verantwortlichen reagieren: Ex-EnBW-Spieler Ermin Jazvin (31) kam von seinem bosnischen Heimatverein Zrinski Mostar. „Jerry Green, der hier schon einmal mit ihm zusammengespielt hat, hat die Integration vereinfacht“, sagt Teammanager Mario Probst. Und mit Anthony Fisher (25) war in Trier ein neuer Probespieler aus Kattowitz mit 14 Punkten treffsicherster EnBW-Schütze. „Er wird auch am Samstag gegen Frankfurt spielen“, sagt Alexander Reil. Das ist bei EnBW Ludwigsburg in diesen Tagen schon die beste Nachricht.
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