Balingen Was vom Strasser bleibt

Schwarzwälder-Bote, 13.04.2012 23:13 Uhr

Von Steffen Maier

Balingen. Die massive tiefbraune Holztür knarzt zunächst, dann schwingt sie ganz leicht zurück. Schnell durch den Windfang hindurch, 15 Meter den Gang runter, und man steht in einer der ehemaligen Produktionshallen. Kippen und Glasscherben liegen auf dem Boden, in einer Ecke sind große und kleine Ammoniten gelagert, die einst zur Zierde rund um die Stadthalle in den Boden eingelassen waren. Fossilien in diesem Gebäude, das passt – es ist selbst ein Fossil, ein Zeugnis vergangenen Lebens. Allein: Was bleibt davon übrig, was wird aufbewahrt?

In diesem Jahr wird auf dem allgemein so genannten Strasser-Areal Platz geschaffen für Neues. Die in Animationen verlockend funkelnden Eyach-Arkaden kommen hin. In bester Innenstadtlage entsteht ein großer Einkaufskomplex, außerdem Wohnungen, alles todschick und modern. Dafür muss der mächtige ehemalige Industriebau weg, der über ein ganzes Jahrhundert das Stadtbild Balingens mitprägte, der seit rund 20 Jahren fast leer steht und in dem sich seitdem dennoch ein ganz neues, eigenes Innenleben entwickelte. Kein Stein bleibt auf dem anderen, das ist beschlossene Sache. Zu oft wird in ähnlichen Zusammenhängen davon gesprochen, aber hier ist es genau das: das Ende einer Ära.

Der Anfang: 1889 ließ der Balinger Industrielle Carl Martz 1889 ein Fabrikgebäude errichten, 34 Meter lang, 14 Meter breit, so ist es im Feuerversicherungsbuch der Stadt vermerkt. Gebaut wurde buchstäblich auf der grünen Wiese, die Fabrik jenseits der Eyach war nur über einen Feldweg zu erreichen. Produziert wurden im Untergeschoss Schnupftabak, im Erdgeschoss Strickwaren, aber nicht allzu lange: 1903 verkaufte Martz das Gebäude an Jakob Strasser, Sohn von Georg Strasser. Die Familie gab dem Industriebau, gab dem ganzen Gelände seinen Namen.

Georg Strasser hatte seit 1858 in einer Manufaktur Schuhe hergestellt, neben Handschuhen und Strümpfen im 19. Jahrhundert quasi typische Balinger Produkte.

Überbleibsel eines Bizerbianers: "Ich hasse Montage"

Mit dem Umzug in das ehemalige Martz-Gebäude und der damit einhergehenden Inbetriebnahme einer Dampfmaschine begann für Strasser-Schuhe der Aufschwung – und es wude kräftig angebaut: Noch im Jahr der Übernahme, 1903, kamen das Kesselhaus und der große, heute ziemlich schief emporragende Schornstein sowie ein Stall dazu, 1912 ein Kohlenschuppen, 1920 ein Lagerhaus, 1923 das Locomobilhaus, das Wohnhaus sowie ein weiteres Fabrikgebäude. Neben Falkenstein und Link (später Mercedes) gehörte Strasser zu den führenden Schufabriken der Stadt.

Aus dieser Zeit finden sich im und am Gebäude nur wenige Überreste – dafür umso eindrücklichere: Noch heute zieren das Geländer der Treppe, die zum Haupteingang hinauf führt, die Initialen "G S" (Georg Strasser) und die Jahreszahl "1858", dazu gleich zweimal die Symbole der Schuster: zwei eiserne Hämmer. Das Chefbüro ist wie vor 100 Jahren bis in zwei Meter Höhe komplett mit dickem Holz verkleidet. Die ebenso dunkeln, dicken Stoffvorhänge sind verblichen. Was einst herrschaftlich gewirkt haben muss, erinnert heute eher an einen Sarg.

Das Ende für die Strasser-Schuhfabrik kam in den ­1970er-Jahren. Das Waagen-Unternehmen Bizerba übernahm das Gelände, der Kundendienst zog ein – und Anfang der 90er-Jahre weiter, ironischerweise in die nächste ehemalige Schuhfabrik, Mercedes, Hobbyland. Bizerba-Spuren finden sich in den Strasser-Gebäuden zuhauf: Schilder an den Türen weisen den Weg zu den Service-Technikern und zum elektrischen Prüfraum. Ein Etikett auf einer Schublade gibt an, dass darin einst Unterlagen für den Lachsschneidevollautomaten, den Lachsschnitzel-Automaten und, der Vollständigkeit halber, die Lachsschneidemaschine lagen. An einer Leiste im ersten Obergeschoss hat wohl ein ehemaliger Bizerba-Mitarbeiter einen ziemlich haltbaren Aufkleber angebracht, auf dem der berühmte Comic-Gallier Asterix mit verkniffenem Gesicht den Satz in die Welt hinausschreit: "Ich hasse Montage!"

1994 kaufte die Stadt das Areal, noch einige Jahre boten die Gebäude dem Rockverein und dem Balinger Volkstheater als Übungsstätte sowie der Rumänienhilfe mit ihren regelmäßigen Flohmärkten ein Zuhause. Davon zeugen zahlreiche Überbleibsel, darunter Konzertplakate, die halb verblichen an den Wänden hängen, zerknautschte Bierdosen, die nach langen Übungsabenden geleert wurden, sowie wieder viele Schilder: dort lang zum Volkstheater, hier lang zum Flohmarkt.

Nach dem Auszug der Gruppen wurden Gelände und Gebäude verriegelt und verrammelt – rein kamen dennoch viele in das tote Gemäuer, und mit ihnen neues Leben: Wer heute das Strasser-Areal anschaut, wer es betritt, dem bieten sich Bilder des zunehmenden Verfalls, der Zerstörung – aber auch der blühenden Kreativität.

Wandregale sind kaputtgetreten, Deckenplatten herausgerissen, praktisch jede Scheibe eingeworfen, überall liegen Scherben und Müll. Im Keller, einem wirklich ungemütlichen Ort, haben laut einer Inschrift an der Wand Abiturienten des Jahrgangs 2001 offenbar eine inoffizielle Abschlussparty gefeiert.

Hier haben viele in die Hände gespuckt – fast nichts erinnert daran

Jede – die Betonung liegt auf: wirklich jede – Wand ist mit Graffiti besprüht, darunter immer wiederkehrende kurze Unterschriften der Urheber (ein gewisser "Jokar" muss häufig dort gewesen sein), daneben kunstvolle, farbenfrohe und großflächige Bilder und außerdem Sätze, die das Gebäude selbst nicht besser hätte formulieren können: "Weißt du noch, wie alles begann? Wie die Zeit unter uns verschwand?"

Verschwunden ist aus den Gebäuden fast alles, was daran erinnern könnte, dass hier, beginnend vor 123 Jahren, Menschen in die Hände gespuckt und kräftig geschafft haben. Die praktisch einzige Ausnahme ist ein zig Meter langes Förderband, dessen Rollen allerdings eingerostet sind. Die Rollen werden niemals mehr laufen. Was bleibt von diesem Industriebau? Die Balinger werden sich an den neuen Anblick der Eyach-Arkaden gewöhnen, die Erinnerungen an die Strasser-Gebäude werden verblassen.

Die schwere Türe knarzt erneut, es geht hinaus an die frische Luft, die Treppe hinab, Hand an das leicht angerostete Geländer mit den symbolischen Hämmern, mit den Initialen von Georg Strasser. Stadtarchivar Hans Schimpf-Reinhardt hat Ansprüche darauf angemeldet, der Bauhof wird vor dem Abriss das Geländer ins Heimatmuseum überführen. Vom großen Strasser-Areal, von den Gebäuden und von der langen Geschichte bleibt nur eine Kleinigkeit übrig.

 
 
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