
Von Steffen Maier
Haigerloch-Bad Imnau. Jetzt stehen sie da und können nicht anders: Matthias Bartl und Jochen Ketterer sind geflasht, geplättet, beeindruckt. Der Künstler aus Balingen und der Geschäftsführer der Imnauer Mineralquellen stehen im sogenannten Reservoir in Bad Imnau zwischen fünf riesengroßen Tanks, die zwischen 50 000 und 600 000 Liter Mineralwasser fassen. Ein Rauschen, ein ständiges Brummen liegt in der Luft. "Hier ist’s genau richtig", sagen beide.
Dass es der richtige, der passende Ort ist, das hat das Reservoir im vergangenen Jahr gezeigt. Zum ersten Mal ging 2011 hier in Bad Imnau der Kunstsommer über die Bühne. Mitglieder der Gruppe "Der Turm" zeigten ihre Werke in dem von außen so beton-kargen und von innen so beeindruckenden Gebäude. Besucher von weit her schauten vorbei.
Weil’s so gut war und so gut ankam, will Ketterer das Reservoir als Ort etablieren, in dem regelmäßig Veranstaltungen stattfinden – so wie etwas das "Kraftwerk" in Rottweil: "Musik, Theater, Kleinkunst" – alles ist hier möglich".
Ganz sicher fortgesetzt wird die Kunst-Reihe. Zum einen in bewährter Form, mit dem Kunst-Sommer alle zwei Jahre, dem nächsten also 2013. Zum anderen, ebenfalls alle zwei Jahre, will Mineralquellen-Chef Jochen Ketterer jungen Kreativen im Reservoir ein Forum bieten. Und zwar immer nur einem alle zwei Jahre. Den Auftakt macht Matthias Bartl im September. Der Balinger ist 33 Jahre alt, bei der Ausstellungseröffnung wird er 34 sein. Das ist je nach Sicht der Dinge nicht mehr ganz so jung, quasi mittelalt. Was dagegen jung, frech und groß im kommen ist, das ist Bartls Kunst: Er macht in Stencils.
Illegal? Das war einmal. Heute verdient "Mad Matze" Geld mit Sprayen
Stencils –das ist englisch und heißt auf deutsch: Schablone. Mit dem Skalpell schneidet Bartl, der sich den Künstlernamen "U-Down Mad Matze" gegeben hat, Formen in dickes Papier. Vorgabe ist es, mit möglichst wenigen Linien ein Motiv zu gestalten. Je mehr Schablonen-Schichten man für ein Bild wählt, desto filigraner wird das Werk, das dadurch entsteht, dass das "Stencil" gegen Wände, gegen Papier, gegen alle möglichen Materialien gehalten und dann besprüht wird mit Farben aus Dosen. Einfache Bilder auf Basis einer einzigen Schablone gleichen Skizzen, andere dagegen, die durch die Überlappung mehrerer Schablonen entstehen, können gestochen scharf sein und verfügen sogar über einen räumlichen Fotoeffekt.
Die Kunstform hat Bartl während seiner Zeit in Australien kennengelernt. Mit Sprühdosen hatte er bereits davor hantiert – charmant und aus Erfahrung sagt er heute, dass cleveres Sprühen allemal besser sei als Vandalismus, als das Grafitti zumeist verschrieen ist: "Statt etwas Illegales zu tun, verdiene ich Geld mit meiner Sprühkunst". Dazu will Matthias Bartl auch andere anregen: In der Balinger Innenstadt hat der 33-Jährige eine ehemalige Schmiede in eine Kunst-Werkstattt umfunktioniert, regelmäßig schauen junge Sprayer vorbei und lassen sich inspirieren.
Inspirieren will Bartl derweil weit darüber hinaus. Werke, die in den vergangenen beiden Jahren entstanden sind, wird er Anfang September auf drei Ebenen im Reservoir zeigen – neben Stencils auch Plastiken und eine sogenannte Living-Art-Performance. Die Einzelausstellung in Bad Imnau, seine erste, sieht Bartl als große Chance und als Bestätigung seiner bisherigen Arbeit. Dass die Mineralquellen ihm dieses Forum bieten, findet er "klasse" – nicht nur für sich selbst: "Junge, andere Kunst bekommt hier endlich einmal die Aufmerksamkeit, die sie auch haben sollte", so Bartl.