Von Steffen Maier

Balingen. 17 Tage. 17 Tage, das sind zweieinhalb Wochen, das muss man sich vorstellen. Nicht zweieinhalb Stunden, die der gemeine Durchschnittsdeutsche – Frühstück, Brezel zwischendurch, Mittagessen, dann einen Apfel oder ein Stück Kuchen, Abendessen, später vielleicht noch einen Keks – wartet, ehe er sich das nächste Mal etwas zum Essen in den Mund schiebt. Zweieinhalb Wochen also hat Sascha Geršak nichts gegessen. Er hat nur Tee getrunken, unter ärztlicher Aufsicht. Die Frau Doktor sagte ihm, das Hungergefühl gehe nach vier Tagen weg, aber das war nicht so. Geršak träumte nachts von zuckersüßem Cappuccino mit großer Milchschaumhaube. Und wofür das alles? Für etwas Großes: die erste Hauptrolle in einem Kinofilm.

Sascha Geršak, gebürtiger Balinger, in Engstlatt aufgewachsen, 37 Jahre alt, spielt Murat Kurnaz. Kurnaz, in Bremen geboren und türkischer Staatsbürger, das ist der junge Mann, der im Oktober des Jahres 2001, wenige Wochen nach den verheerenden Anschlägen von Al-Qaida in den USA, nach Pakistan ging, um, wie er sagte, mehr über den Koran zu erfahren und eine Pilgerreise zu unternehmen. Dort wurde er im November von pakistanischen Sicherheitskräften festgenommen und gegen ein Kopfgeld den US-Streitkräfte in Afghanistan übergeben. Die Amerikaner stuften ihn als "feindlichen Kämpfer" ein. Im Januar 2002 wurde Kurnaz in das berüchtigte Gefangenenlager Guantanamo auf Kuba verlegt. Dort war Kurnaz bis August 2006 inhaftiert – und das, obwohl die Amerikaner eigentlich recht schnell zur Auffassung gelangten, dass Kurnaz nie terroristisch tätig, sondern eben nur zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen sei.

Der Fall Kurnaz hielt die deutsche Öffentlichkeit lange in Atem. Es ging und geht um die Frage, ob sich die deutsche Regierung zu wenig um seine Rückkehr nach Deutschland eingesetzt hat, ob deutsche Ermittler ihn während Befragungen misshandelt haben, wie Kurnaz sagt. Der Fall beschäftigte zwei Untersuchungsausschüsse des Bundestages. Fest steht nach Aussagen von Kurnaz, dass er in Guantanamo während der gesamten Zeit der Inhaftierung immer wieder gefoltert wurde – durch Schläge, Schlafentzug, das sogenannte Waterboarding, die üblichen US-Methoden eben.

"Fünf Jahre Leben" lautet der Titel des Films von Regisseur Stefan Schaller. Darin geht es, wie Hauptdarsteller Geršak sagt, weniger um die politischen Hintergründe, weniger um die Umstände der Festnahme Kurnaz’ in Pakistan. Statt sich auf das große Ganze zu konzentrieren nimmt der Film das System Guantanamo, das System der Folter, das Verhältnis zwischen dem Gefangenen und dem Haftpersonal und dem Verhörspezialisten – und vor allem die Person Kurnaz in den Blick: Wie erlebt er die Gefangenschaft, die Folter? Was gibt ihm Kraft? Wie schafft er es, diese fast fünf Jahre dauernde Pein seelisch fast unbeschadet zu überstehen? Dass Kurnaz es geschafft hat, davon ist Sascha Geršak am meisten beeindruckt: "Ich glaube, er ist der stärkste Mann in Deutschland." Geršak hat Kurnaz mehrmals getroffen, er hat den Koran gelesen, hat geboxt wie Kurnaz und er hat gehungert, hat sich mit Leib und Seele auf die Rolle vorbereitet. Geršak wollte seine Sache gut machen, er sah es als besondere Herausforderung: Schließlich spielt er nicht eine Rolle, die sich jemand ausgedacht hat – es gibt diesen Mann, den er darstellt, ja wirklich.

Es ist mittags, kurz nach 16 Uhr. Geršak sitzt im Restaurant Ziegel oh Lac am Ufer des Zürichsees. Das "Ziegel" gehört zur Roten Fabrik. Früher wurden auf dem Areal Ziegelsteine hergestellt, dann waren die alten Gebäude besetzt, heute ist es eine Genossenschaft. Dazu gehört ein Theater, deswegen ist Geršak da. Probenwochen für die Saison unter dem Motto "Zurück zum Start". Wahrscheinlich keine Parole könnte besser passen auf das Verhältnis des 37-Jährigen zu Zürich. Hier begann seine Karriere als Schauspieler, hier begann, wie er es sagt, sein zweites Leben.

Sascha Geršak hat in der Schweizer Metropole an der European Film Actor School (EFAS) studiert, der nach eigenen Angaben ältesten Filmschauspielschule Europas. Dass er das tun würde, war lange nicht vorgezeichnet und doch irgendwie logisch. Seine Eltern haben das, was man heute einen Migrationshintergrund nennt. Sein Vater kam als junger Mann mit 50 Mark und einem leeren Koffer von Slowenien ins Schwabenland – arbeitete, arbeitete, arbeitete, heiratete und wurde Vater von drei Kindern, die heute allesamt künstlerische Berufe haben.

Den jungen Sascha schickten seine Eltern zum Kindertheater von Fernande Münchenberg. Im Alter von fünf Jahren stand er zum ersten Mal in Balingen auf der Bühne und spielte eine kleine Taube.

Die Schauspielschule in Zürich – "das war meine Rettung"

Er blieb dem Theater treu, spielte später in der VHS-Gruppe von Manfred Schwenzer mit, auch am Zimmertheater Rottweil hatte er Gastspiele. Nach der Schule ließ er sich zum Kunststoffformgeber ausbilden ("das hat mit Ach und Krach geklappt"), arbeitete dann mal hier mal da, unter anderem als Knecht auf dem Hörnle-Bauernhof, als Gabelstaplerfahrer auf dem Balinger Bang Your Head-Festival, als Bedienung in der "Sonne", ehe er es tatsächlich fünf Jahre in seinem erlernten Beruf aushielt. Aber was heißt schon aushalten?

"Ich habe meine Jugend in Balingen genossen, ich hatte eine gute Zeit hier", sagt Geršak. Aber: Irgendwann habe er das Gefühl gehabt, sich nicht weiterzuentwickeln, festzustecken im Einerlei.Und dann sei ihm sei klar geworden, dass er weg müsse, "sonst wäre ich aus Frustration versauert". Eine Freundin gab ihm den Tipp mit der Schauspielschule in Zürich. "Das war meine Rettung", sagt Geršak.

Er bewarb sich, mit 26, schaffte die Aufnahmeprüfung, und weil er so talentiert war, schenkten sie ihm die ersten beiden Semester. Nach wenigen Wochen in Zürich bewarb er sich am Schauspielhaus als Statist, der Zuständige wollte ihn abwimmeln, aber Geršak blieb hart, und tatsächlich: Kurze Zeit drauf durfte er im Stück "Hamlet", inszeniert von Christoph Schlingensief, einen Fahnenträger spielen. Diese Erfahrung, das Schauspielhaus durch den Künstlereingang zu betreten, den dortigen Theater-Mikrokosmos und den großen Schlingensief zu erleben, das war sein Erweckungserlebnis: "Ich habe mich gefragt, was ich die letzten 26 Jahre in meinem Leben eigentlich gemacht habe."

Schauspieler, das weiß man, gibt es viele. Um aber bekannt zu werden und davon leben zu können, braucht es Glück und Talent. Geršak hatte beides. In Zürich schlug er sich mit kleinen Rollen durch, jobbte im Club "Helsinki", ehe ihn der Leiter des Diplomkurses an der EFAS, der Regisseur Dominik Graf, drei Jahre nach Ende des Studiums für die ARD-Serie "Im Angesicht des Verbrechens" für die Rolle des Zuhälters Kolja wollte. Es war Geršaks erste Fernsehrolle. Die Serie wurde hochgelobt, sie ist noch heute regelmäßig im TV zu sehen. Es folgte ein Auftritt im Münchener Tatort, darin starb er allerdings schon nach vier Film-Minuten. Im April, am Ostermontagabend, ist er das nächste Mal mit den Ermittlern aus München zu sehen, dann in der Nebenhauptrolle als Streifenpolizist Georg Zimmermann. Dazu gab und gibt es viele, viele kleine Engagements bei Theatern im ganzen deutschsprachigen Raum.

Außerdem gibt es jetzt diesen Film, "Fünf Jahre Leben". In Saarbrücken wurde er uraufgeführt, bekam zwei Preise, zuletzt war er auf dem Festival in Rotterdam zu sehen. Im Mai läuft er in den Kinos in Deutschland an. Geršak warnt vor: "Der Film ist nichts für schwache Nerven."

Geršak steht auf, verlässt das "Ziegel oh Lac". Es ist Zeit für den Heimweg, demnächst geht es zurück nach Berlin, wo er mit Freundin in den beiden gemeinsamen Kindern lebt. Davor aber noch ein Ritual: Er läuft am Ufer auf einen Bootssteg und pinkelt in den Zürichsee. "Das mach’ ich immer, wenn ich hier bin, muss einfach sein." Ist das jetzt eine Performance? Geršak lacht: "Ja klar! Das ganze Leben – ein Theater!"