
|
|
Bild 1 von 49 |
|
Balingen - Ganz nah sind sich am Wochenende die Besucher des Balinger Christkindlesmarkts gekommen. Einen rekordverdächtigen Andrang erlebte die Budenstadt, in der zu Stoßzeiten kaum ein Durchkommen war.
"Der kleine Silas sucht seine Eltern", schallt es aus den Lautsprechern. Hoffentlich hat der Junge was zum Spielen dabei. Es könnte eine Weile dauern, bis Mama und Papa die Infothek im Rathaus erreichen, um Silas abzuholen. Denn am frühen Samstagabend stehen die meisten Bummler im Christkindle-Stau.
Fremde Ellenbogen in den Seiten, den Glühwein-Atem des Hintermanns im Nacken und den Mützenbommel der Vorderfrau vor der Brust: Tausende Besucher gehen auf kollektiven Kuschelkurs. Wer noch mehr Nähe braucht, ist bei Jugendlichen der Zillhausener Baptistengemeinde richtig. Sie halten Pappkartons mit der Aufschrift "Gratis-Umarmung" in Händen und drücken Passanten an sich, die zunächst verdutzt gucken und dann selig grinsen. Eine herzliche Geste als Antwort auf gesellschaftliche Kälte: So lautet in etwa die Botschaft. Weltweit liefen derzeit solche Spontan-Aktionen, erläutern die Teenager.
Beim Anstehen bleibt Zeit, über ihre Worte nachzudenken. Denn wer hungrig oder durstig ist, braucht Geduld. Hutträger sind beim Stand des TV Streichen im Vorteil. Denn dort tropft ein Gemisch aus kondensiertem Schupfnudel-Dampf und Friteusenfett von der Budendecke. Ein paar Meter weiter gibt’s den Weihnachtsdöner, andernorts adventliche Cevapcici. Das beißt sich nicht mit Maultaschen-Burgern und Dinnede: Der Christkindlesmarkt ist eben international.
Wer steht und wartet oder isst und trinkt, kann sich von heimischen Ensembles aufs Fest einstimmen lassen. Oder überlegen, wie er den Karton mit dem Adventskranz durchs Getümmel zum Auto bringt. Auf dem Weg dorthin geht’s vorbei am Zollernschloss, wo sich Kinder vergnügen. Nur Silas wartet weiter an der Infothek. Wo die Eltern bloß bleiben? Vielleicht holen sie sich Streicheleinheiten ab. Beim kostenlosen Umarmungsservice aus Zillhausen. Silas, das kann dauern.