Balingen Jakob Beutter: ein großer Sohn der Stadt und des Volkes

Schwarzwälder-Bote, 10.07.2012 00:02 Uhr

Balingen. Die blaue Arbeitsschürze gehörte für ihn zum Alltag. Selten sah man Jakob Beutter werktags ohne sie in der Stadt. Für ihn war die Schürze auch ein Zeichen seiner Identität. Er war und blieb zeit seines Lebens stets der einfache Schreinermeister. Beutter, vielfach ausgezeichnet und Ehrenbürger der Stadt Balingen, ist heute vor 125 Jahren geboren worden.

Aus seiner Herkunft aus wenig vermögenden Verhältnissen machte er keinerlei Hehl. Mit seiner Einfachheit, Redlichkeit und Hilfsbereitschaft war Jakob Beutter jahrzehntelang einer der populärsten Männer der Stadt.

Draußen beim Lindle, in einem kleinen Haus an der damaligen Geislinger Straße, gebar ihn seine Mutter Rosine, die Ehefrau des Schuhmachers Friedrich Beutter, am 10. Juli 1887 als jüngstes von sieben Kindern. Nach dem Besuch der Volksschule gaben ihn die Eltern bei Schreinermeister Rehfuß in der Oberen Vorstadt in die Lehre. Die Wanderjahre führten ihn in die Schweiz und durch Deutschland. In Vockenhausen, im Taunus lernte er dabei seine Frau Maria, kennen, mit der er sich 1910 vermählte. Bereits ein Jahr später wurde Sohn Friedrich geboren. Im Alter von schon beinahe 30 Jahren war Jakob Beutter Soldat im Ersten Weltkrieg. Als kurz nach dem Krieg dann der Balinger Schreinermeister Hebrank, bedingt durch einen Betriebsunfall, seine Werkstatt nicht mehr selbst führen konnte und deshalb einen Meister suchte, begab sich Jakob Beutter mit seiner Familie zurück nach Balingen und übernahm diese Aufgabe. Danach leitete er sieben Jahre lang die Schreinereiabteilung der Firma Bizerba, bevor er sich 1927 selbstständig machte und in der Dammstraße eine eigene Schreinerei eröffnete. Wenige Jahre später baute er zusammen mit seinem ältesten Sohn Friedrich im Gebäude Jahn­straße 10 eine größere Werkstatt auf. Die Geschäfte liefen gut – bis der Zweite Weltkrieg begann. Beide Söhne – der jüngere, Jakob, war 1923 geboren – wurden zur Wehrmacht eingezogen und 1944 im Krieg getötet. So führte der Vater den Betrieb nun alleine weiter.

Jakob Beutter war überzeugter Sozialdemokrat und ein Gegner des Nationalsozialismus. Politisch gesehen gehörte Beutter im Balinger Bezirk zum sozialdemokratischen Urgestein. Seit 1909 war er Mitglied der Partei und bis ins hohe Alter aktiv im Balinger Ortsverein. Erstmals in den Balinger Gemeinderat gewählt wurde er 1921; er gehörte dem Gremium bis 1965 an – mit Ausnahme der Zeit von 1933 bis 1945. Als im März 1933, nach der Machtübernahme durch die NSDAP, auch aus dem Balinger Bezirk Kommunisten und Sozialdemokraten in einem Konzentrations­lager auf dem Heuberg in die sogenannte Schutzhaft genommen wurden, wuchs der Druck auf politisch Andersdenkende. Um sich vor Verfolgung zu schützen, sahen sich Jakob Beutter und die drei anderen Balinger SPD-Gemeinderäte gezwungen, aus der SPD auszutreten und infolgedessen auch ihre Gemeinderatsmandate nieder zu legen. Infolge des Hitler-Attentats im Juli 1944 wurde Beutter von der Gestapo verhaftet, jedoch wohl wegen des Kriegstods seiner beiden Söhne nach acht Wochen wieder auf freien Fuß gesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stieg Jakob Beutter sofort wieder in die Kommunalpolitik ein. Als im Hinblick auf den Nationalsozialismus völlig unbelasteter Bürger wurde er im November 1945 in das achtköpfige Gremium der dem Bürgermeister zur Seite stehenden Gemeindebeiräte berufen.

Die Bevölkerung schätzte an ihm seine Geradlinigkeit

Bei der ersten Gemeinderatswahl nach dem Krieg, im September 1946, erhielt er dann wie gewohnt die höchste Stimmenzahl. Sein gutes Gespür für richtige Entscheidungen sowie die Art, wie er sich stets seine eigene Meinung bildete und diese dann auch geradlinig, konsequent und mutig vertrat, wurden im Gremium sehr geschätzt. Seine Erfahrung und sein Rückhalt in der Bevölkerung wurden von den anderen Gremiumsmitgliedern neidlos anerkannt. So wundert es nicht, dass er auch noch andere Ämter und Aufgaben innehatte: Von 1914 bis 1939 war er Vorstandsmitglied der Allgemeinen Ortskrankenkasse, ab 1945 ständiges Mitglied des Kreistags (bis 1965) und des Kreisrats (bis 1959), ab 1950 stellvertretender Bürgermeister und Mitglied des Schulverbandsgemeinderats.

Am Schwurgericht fungierte er zeitweilig als Schöffe und Geschworener. Erst im Alter von 78 Jahren zog sich Jakob Beutter von seinen öffentlichen Ämtern und Aufgaben zurück.

Selten erfuhr ein Balinger Bürger so zahlreiche öffentliche Ehrung und Anerkennung wie er: 1957, zu seinem 70. Geburtstag, wurde ihm die Ehrenbürgerwürde verliehen und auch das Bundesverdienstkreuz. Genau zehn Jahre später, zum 80. Geburtstag, folgte die Verleihung des goldenen Ehrenrings der Stadt Zum Schluss der damaligen Feier, in seinen Dankesworten, ermahnte Beutter die Stadträte, auch in Zukunft stets das Interesse der Bürgerschaft vor die Interessen Einzelner zu stellen. Er selbst sah sich als Vertreter des wirtschaftlich schwächeren Teils der Bevölkerung. Bürgermeister Hagenbuch am Grabe des am 17. Januar 1972 verstorbenen Ehrenbürgers: "Er blieb ein Sohn des Volkes, das ihm viel Liebe und Vertrauen entgegen gebracht hat." Bleibende Erinnerung an einen der beliebtesten Bürger der Stadt Balingen ist heute noch die nach ihm benannte Straße.

 
 
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