Von Steffen Maier

Balingen. 95 Bewerber. 95 Bewerber haben in diesen Tagen darauf gewartet, ob sie den Zuschlag bekommen für einen der 23 Bauplätze im Neubaugebiet Etzelbachstraße in Balingen, wo derzeit von frühmorgens bis abends, wenn es schon dunkel ist, die Erschließung der Grundstücke vorangetrieben wird. Vom nächsten Frühjahr an werden dort, neben alten Häusern, neue hingestellt. Es wird gebaut, wie an vielen Stellen der Stadt.

Balingen hat in den vergangenen vier Jahren in Sachen Neubauten einen deutlichen Boom erlebt. Es gebe derzeit zwei Trends, wie Baudezernent Ernst Steidle gegenüber unserer Zeitung sagt. Der eine ist ein Dauerbrenner, quasi in den schwäbischen Genen verwurzelt: Eigenheim. Der andere ist neueren Datums und liegt, so glaubt Steidle, darin begründet, wie sich Balingen in den vergangenen rund 15 Jahren entwickelt hat: Wohnen mitten in der Stadt. Verstärkt haben dürfte bei Entwicklungen die seit nunmehr fünf Jahren andauernde Finanzkrise und die dadurch bedingte "Flucht in die Sachwerte": In Beton investiertes ist gut angelegtes Geld.

Einer, der davon ein Lied singen kann und voll auf der Trend-Welle surft, ist Bernd Eberhart, einer der Geschäftsführer der Bauprojekta-GmbH mit Sitz in Binsdorf. An der Eugenstraße 4 baut die Firma aktuell zwei sogenannte Stadtvillen, wie sie auch schon an der Behr- und der Hermann-Rommel-Straße stehen. Die Arbeiten sind in vollem Gange, zwölf Wohnungen entstehen dort in unmittelbarer Innenstadt-Randlage – und zehn sind schon verkauft. Einen Steinwurf davon entfernt, Eugen­straße 4, soll ebenfalls eine Stadtvilla hochgezogen werden, mit sechs Wohnungen. Fünf davon sind schon an den Mann gebracht – und das, obwohl das alte Haus noch nicht einmal abgerissen ist. "Wir haben Probleme, ein Abrissunternehmen zu bekommen – die haben zurzeit einfach viel zu viel zu tun", sagt Bernd Eber­hart. Im Frühjahr wird er die nächsten Bagger buchen: Die Gebäude an der Inselstraße 8 und 10 werden von der Bauprojekta ebenfalls abgerissen, dort ist ein Mehrfamilienhaus-Neubau mit sechs Wohnungen geplant.

Voll zugange ist seit der vergangenen Woche auch die Wohnbaugenossenschaft Balingen: Im Baugebiet Schlichte entsteht ein Mehrfamilienhaus mit 20 Eigentumswohnungen und rund 1600 Quadratmetern Wohnfläche. 4,3 Millionen Euro investiert die Wohnbau laut Geschäftsführer Walter Zanker, im ersten Halbjahr 2014 soll das Projekt abgeschlossen sein. Die Nachfrage nach dem "sonnigen Wohnen" an der Roßberg- und Kinzigstraße, wie es die Wohnbaugenossenschaft anpreist? Riesig: 18 der 20 Wohnungen waren bereits verkauft, bevor der Bagger das erste Loch buddelte.

Einige Bauunternehmer, aber auch viele Private haben die Zahl der Neubauten in Balingen zuletzt ansteigen lassen. 2009 wurden laut Statistik des Bauamts 28, 2010 schon 33 und 2011 49 Ein- oder Mehrfamilienhäuser errichtet. Im laufenden Jahr scheint der Boom etwas abgeflacht, bis Ende des Jahres werden aber immerhin noch 39 Wohn-Neubauten erwartet. Insbesondere für die Baugebiete in der Kernstadt gibt es in schöner Regelmäßigkeit deutlich mehr Bewerber als Plätze – siehe Etzelbachstraße, siehe Schlichte.

Freie Plätze gibt’s überall in der Stadt

Anderswo gibt es indes auch noch Raum: Rund 100 erschlossene und freie Bauplätze hat allein die Stadt im Angebot (dazu kommt eine unbekannte Zahl privater Plätze); außer in Balingen selbst können Bauherren auch in praktisch allen Stadtteilen loslegen.

Dabei ist insbesondere das Neubaugebiet St.-Gallus-Straße in Frommern laut Ernst Steidle beispielhaft dafür, wie und wo Bauplätze heute unter den Erwartungen des vielbeschworenen demografischen Wandels ausgewiesen werden. Neue Wohngebiete entstehen heute oft nicht mehr an Orts-Randlagen, sondern mittendrin. So bewirken sie nicht mehr, dass Ortschaften und Städte in der Fläche wachsen, sondern dass Baulücken, oft auch nach dem Abriss alter und maroder Gebäude, wieder geschlossen werden. Neue Wohngebiete befördern so die Innenentwicklung: Auf Brachflächen siedelt sich neues Leben an.

Als "erfreulich" bezeichnet Steidle zudem die Entwicklung in den großen alten Wohngebieten Balingens jenseits der Bundesstraße 27: Anders als in großen, alten Baugebieten in anderen Städten stünden dort nicht halbe Straßenzüge leer, sondern es kämen regelmäßig junge Familien nach, die die viele Jahrzehnte alten Häuser nach und nach und immer wieder auf den neuesten Stand bringen. "Der Wandel vollzieht sich dort von selbst", sagt Steidle, quasi problemlos.

In der City lösen Gebäude­Abrisse und Neubauten regelmäßig Diskussionen aus. Die Klage, dass immer mehr Altes verschwinde und Balingen dadurch seine historische Seele verliere, kann Bauchef Steidle bis zu einem gewissen Grad verstehen – er entgegnet indes, dass die Stadtverwaltung nur geringen Einfluss habe darauf, in welchem Stil gebaut wird: "Wir geben den Rahmen vor, bei Gestalt und Aussehen von Neubauten reden wir nicht mit, das ist Sache der Bauherren". Insbesondere könne das Bauamt niemanden zwingen, sein Haus nach der Charakteristik von vor 200 Jahren zu bauen, der Zeit also, als nach dem großen Brand die Innenstadt neu aufgebaut und strukturiert wurde. Wichtig ist es Steidle zu betonen, dass die historische Grundstruktur der City trotz vieler neuer Gebäude erhalten geblieben sei.