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Baiersbronn Möbelstück als Quelle der Inspiration

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Nicht am Schreibtisch von "TM", aber am Lesetisch der Zimmerei Schleh: Inge Jens, umgeben von (von links) Ernst Schleh, Sascha Falk, Walle Sayer, Harald Merkt und Matthias Kehle. Foto: Keck Foto: Schwarzwälder-Bote

Baiersbronn. Zum Abschluss der Literaturtage Nordschwarzwald war die Tübinger Wissenschaftlerin, Dozentin und Herausgeberin Inge Jens zu Gast in der Zimmerei Schleh. Mehr als hundert Besucher waren zum Vortrag der Thomas-Mann-Expertin gekommen, die selbst im Alter von 90 Jahren nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt hat.

Hausherr Ernst Schleh, der bereits zum dritten Mal seine Zimmerei für die Literaturtage zur Verfügung gestellt hatte, merkte mit Genugtuung an, dass der Raum angesichts des renommierten Gastes "aus allen Nähten zu platzen drohe". An die Besucher appellierte er, auch den Erfrischungen zuzusprechen. Denn mit dem Erlös unterstützten sie das ehrenamtliche Burundi-Projekt zur Ausstattung eines Küchenhauses. Demnächst werde wieder eine Delegation der Zimmerei dorthin reisen.

Literaturtage-Mitorganisator Walle Sayer stellte Person und Werk von Inge Jens dar. Die Herausgeberin der Tagebücher Thomas Manns hat zusammen mit ihrem Ehemann Walter Jens, dem 2013 verstorbenen Autor und Ordinarius für Rhetorik, der Familie Mann mit viel beachteten Publikationen ein Denkmal gesetzt. Dass ein Tisch Anlass für eine eingehende literaturgeschichtliche Untersuchung ist, darf zunächst als ungewöhnlich gelten.

Gewohnte Ordnung

Die Edition der Thomas-Mann-Tagebücher ließ jedoch in Inge Jens den Entschluss reifen, sich "etwas eingehender mit jenem Schreibtisch zu befassen, dessen Geschichte für mich auf eine ganz besondere Art auch das Schicksal des über Nacht heimatlos gewordenen Schriftstellers spiegelt". Ein Requisit als Humus für Weltliteratur, denn, so Inge Jens über Thomas Mann, "an fremden Orten war es ihm noch nie gelungen, Dauerhaftes zu Papier zu bringen. Er brauchte seinen festen Platz und die gewohnte Ordnung… den eigenen Schreibtisch – samt den vertrauten Utensilien…"

Das Möbelstück wurde Teil der Identität Thomas Manns, und so war es nur konsequent, ihn "mitzuführen von München nach Zürich, über den Atlantik nach Princeton und weiter, quer durch den amerikanischen Kontinent, nach Kalifornien, schließlich von Pacific Palisades zurück an den Zürichsee, zuerst nach Erlenbach und dann nach Kilchberg".

Über 16 Jahre zog sich diese Odyssee hin, und seit 1961 steht der Schreibtisch im Gedenkraum des Züricher Archivs im Bodmer-Haus, zugänglich für Besucher. "Seine Bedürfnisse bestimmten den Lebensrhythmus der Familie", formulierte Inge Jens, und er brauchte ein "ihm angemessenes Milieu". Die Erfolge von "TM" ließen in ihm auch das Selbstbewusstsein reifen, das sich kundtat in dem Satz: "Wo ich bin, ist Deutschland."

Tatsächlich benötigte der "pater familias" nicht nur das Korsett äußerer Ordnung, sondern auch tatkräftige praktische Unterstützung, besonders augenfällig in drei Frauen: seiner Frau Katia, seiner Tochter Erika und der Mäzenatin Agnes Meyer. Deren Einsatz für sein seelisches und wirtschaftliches Wohlbefinden war ihm offenbar nicht immer so richtig gegenwärtig. "Ich war nicht immer so freundlich zu meinem Mann", merkte Inge Jens verschmitzt an, denn er habe so manches selbst erledigen müssen.

Praktisch ein Kind

Der Thomas-Mann-Biograf Hermann Kurzke überliefert ein Zitat von Mann-Tochter Monika, wonach der Vater theoretisch der Kopf der Familie, praktisch jedoch "das Kind" sei. "Frau Thomas Mann" – so im Briefkopf von Katia mit bemerkenswerter Bescheidenheit vermerkt – schrieb ihrem Mann das Prädikat zu, ein "rehartiges Gebilde von großer Sänfte" zu sein. So war es nicht verwunderlich, dass "TM" wesentliche Entscheidungen seiner Katia überließ. Inge Jens’ höchst ansprechend formuliertes Werk ist historisches Dokument und Charakterbild eines Menschen, der auch im Ausland das Bild Deutschlands mitgeformt hat.

In seinen Dank an die Referentin ließ Ko-Organisator Matthias Kehle unter dem Beifall des Publikums einfließen, dass es nach Lage der Dinge auch in zwei Jahren wieder die Literaturtage Nordschwarzwald geben werde.

Das Buch: Inge Jens: Am Schreibtisch – Thomas Mann und seine Welt. Rowohlt Verlag Reinbek 2013. 210 Seiten gebunden. 19,95 Euro.

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