
Von Bärbel Altendorf-Jehle Baiersbronn-Obertal. Es brodelt in Sachen Nationalpark. Diskussion, Meinungsfreiheit ja – aber wie steht es dabei mit dem Umgang untereinander? Mit diesem brandaktuellen Thema befasste sich nun sogar das Männervesper der evangelischen Kirchengemeinden des Murgtals.Will man den Gerüchten glauben, geht es teilweise heiß her in Baiersbronn, wenn es um den Nationalpark geht. Die Streitkultur scheint mancherorten sehr im Argen zu liegen. Da kommen die Bürger nicht mehr zum Stammtisch, weil der Gastwirt entweder für oder gegen den Nationalpark ist, da beschimpft man sich gegenseitig, Freundschaften brechen auseinander, weniger schöne Schreiben landen mittlerweile kreisweit in Briefkästen.
Grund genug für die Männer in den evangelischen Kirchengemeinden des Murgtals, die emotionale Schieflage wieder etwas gerade zu rücken. Pfarrer und Psychoanalytiker Gert Murr aus Neckartenzlingen war zu den Männern – unter ihnen auch welche aus Freudenstadt – gekommen, verlor sich aber nicht in einem Monolog, sondern erarbeitete zusammen mit den Besuchern das Thema "Wutbürger und/oder Christenmensch".
Das Resümee, das Murr schließlich den Männern mit auf den Weg gab: "Wenn die Argumente ausgetauscht sind, dann muss Ruhe einkehren und abgestimmt werden." Alles andere führe, so Murr, der selbst Erfahrung als Gemeinderat und stellvertretender Bürgermeister sammeln konnte, zu einem Schlagabtausch, der ins Persönliche oder unter die Gürtellinie gehe.
Er äußerte sich mit keinem Wort zur Thematik Nationalpark, dazu habe er sich zu wenig mit der Materie beschäftigt. "Aber glauben Sie mir, ob Sie dafür oder dagegen sind – Sie wissen nicht, ob Ihre jetzt und heute getroffene Entscheidung in 30 Jahren richtig ist oder nicht." So mahnte Murr zu mehr Bescheidenheit.
Führe die gesunde Streitkultur, die wichtig sei, um zu einem Ergebnis zu kommen, zu persönlichen Anfeindungen, liege das meist in der Persönlichkeit des Angreifers, der seine eigenen Probleme bei solch einem politischen Konflikt auslebe. Klar wurde bei der Diskussion aber auch, dass eine gesunde Wut durchaus berechtigt sein und einen auch weiterbringen kann. Wut entstehe vor allem dann, wenn sich der Bürger nicht verstanden, nicht ernst genommen fühle oder hinter verschlossenen Türen die Entscheidungen fallen.
Der Psychoanalytiker gab den Besuchern noch einen weiteren Tipp mit: "Versuchen Sie nicht, in großen Veranstaltungen zu überzeugen, besser geht es im kleinen Kreis und im persönlichen Gespräch."