Stuttgart - Bisher war die Bahnhofsmission für verzweifelte Menschen in der Nacht oft der letzte Rettungsanker. Hier brannte rund um die Uhr Licht, hier dampfte immer heißer Tee, hier hatten die freundlichen ­Helfer in ihren blauen Jacken ­immer ein offenes Ohr – und eine offene Tür.

In wenigen Tagen wird sich das ändern. Mit Beginn des Jahres 2013 gelten für die Bahnhofsmission an Gleis 4 des Hauptbahnhofs die eingeschränkten Öffnungszeiten von 6 bis 22 Uhr täglich.

„Es wäre wichtig, auch in der Nacht eine Anlaufstelle zu haben“, sagt die Sozialpädagogin Renate Beigert, die seit 2010 die Bahnhofsmission Stuttgart leitet. „Aber das ist personell momentan nicht mehr leistbar.“

Bereits in den vergangenen Jahren musste die Bahnhofsmission ihre Öffnungszeiten einschränken. Jahrzehntelang war die Einrichtung an sieben Tagen der Woche rund um die Uhr besetzt. 2008 kamen dann die ersten Einschnitte, als montag- und dienstagabends die Tür um 22 Uhr verschlossen werden musste. Doch selbst die 24-Stunden-Präsenz der Mission an den fünf übrigen ­Tagen der Woche „ließ sich zuletzt nicht ­immer durchhalten“, sagt Renate Beigert. Grund war die knappe Personalausstattung. Immer dann, wenn eine der neun hauptberuflichen Kräfte krankheitsbedingt ausfiel, ging das Licht der Nacht aus.

Jahresetat beträgt 300.000 Euro

Inzwischen hat sich die Lage trotz der regen Mitarbeit von 40 bis 50 ehrenamtlichen Helfern weiter verschärft. „Wir können es nicht mehr leisten, die Bahnhofsmission durchgehend und verlässlich geöffnet zu haben“, sagt Elke Willi, Vorstand des Vereins für Internationale Jugendarbeit, der gemeinsam mit dem Katholischen Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit Träger der Bahnhofsmission ist. „Verlässlichkeit ist sehr wichtig“, sagt Elke Willi. Deshalb hätten sich die beiden Träger entschlossen, „die knappen personellen und finanziellen Ressourcen“ so zu bündeln, dass ein verlässlicher Tag- und Abenddienst gewährleistet sei.

Der Jahresetat der Mission beträgt etwa 300.000 Euro. Mehr als die Hälfte stammt von kirchlicher Seite, die Stadt gibt einen Zuschuss von 33.000 Euro. Ein ähnlicher Förderbetrag des Landes verteilt sich auf fünf Bahnhofsmissionen. „Die Zuschüsse wurden jahrelang nicht entsprechend den anfallenen Lohn- und Sachkosten angehoben“, beschreibt Elke Willi die wachsenden finanziellen Zwänge.

„Der Tagdienst ist inzwischen wichtiger als ein durchgehender Nachtbetrieb“, sagt sie. Pro Jahr leistet die Bahnhofsmission Stuttgart in 97.000 Fällen älteren und behinderten Menschen Hilfe beim Umsteigen, in etwa 35.000 Fällen wurden die Mitarbeiter um Hilfe gebeten. Die Zahl der Anfragen in der Nacht ist dabei seit Jahren rückläufig.

„Früher kamen sehr viele Au-pair-Mädchen aus Osteuropa am Busbahnhof an und wurden oft nicht abgeholt“, sagt Renate ­Beigert. Sie kamen für eine Nacht in einem der beiden Stockbetten, der speziell Frauen vorbehaltenen Notunterkunft, unter. Seit der Busbahnhof verlegt ist und seit es ­Handys gibt, habe sich die Nachfrage entspannt. Ähnlich hätten auch die verschärften Platzverweisbestimmungen für gewalttätige Männer gewirkt.

Wegen des Projekts Stuttgart 21 zum Ende August 2013 die Kündigung erhalten

„Aber es gibt immer noch Reisende, die nachts am Bahnhof stranden, oder psychisch Kranke und Obdachlose, die nachts Hilfe brauchen“, sagt Renate Beigert. „Deshalb ist uns die Entscheidung, nachts zu schließen, nicht leichtgefallen.“

Die Bahnhofsmission wird sich im kommenden Jahr auf weitere Änderung einstellen müssen. Wegen des Projekts Stuttgart 21 hat die Einrichtung zum Ende August 2013 die Kündigung erhalten. „Wir sind aber mit dem Bahnhofsmanagement in gutem Kontakt wegen eines Alternativstandorts“, sagt Renate Beigert. In der Diskussion ist eine Containerlösung. Ob sich dort allerdings eine Notschlafstelle für Frauen einrichten lässt, ist fraglich. „Ich hoffe, dass wir mittelfristig wieder eine Lösung mit Öffnungszeiten rund um die Uhr finden“, sagt Beigert. Es klingt fast wie ein Weihnachtswunsch.