Auftakt des SWR-Symphonieorchesters in Stuttgart Wächst jetzt zusammen, was zusammengehört?

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Volle Reihen beim Auftakt? Nein. Hinten im Saal blieben einige sichtbare Lücken. Das Orchester nimmt erstmals für ein Konzert in der Stuttgarter Liederhalle Platz. Ganz voll ist der Beethovensaal bei der Premiere jedoch nicht. Foto: dpa

Stuttgart - Der Raum ist voll. Nicht aufgrund der Menschen, die gekommen sind, um den Anfang einer neuen Ära mitzuerleben – sie lassen im hinteren Bereich des (offiziell für ausverkauft erklärten) Beethovensaals noch etliche Plätze frei. Nein, voll ist der Raum, weil etwas in der Luft liegt: Spannung, Neugier – aber auch Wehmut, Enttäuschung, Fragen, Skepsis. An Baden-Württembergs wohl umkämpftester Kultur-Großbaustelle wird Richtfest gefeiert, und weder auf der einen noch auf der anderen Seite der Bühne darf man sich sicher sein, dass die Architekten das neue Gebäude solide geplant haben und dass die Handwerker es in den nächsten Monaten und Jahren professionell, mit Erfahrung, Kunst und Technik ebenso solide fertigstellen werden.

Der Auftakt krankt, um im Bild zu bleiben, zuallererst an den verwendeten Materialien. Das Programm des Debütkonzertes im Stuttgarter Beethovensaal ist sperrig. Umarmt darf sich von den Werken von Kaija Saariaho, Gustav Mahler, Peter Eötvös und Béla Bartók niemand fühlen, das SWR-Symphonieorchester verpasst die Chance, die Tür zum Publikum ganz weit zu öffnen. Stattdessen legt der Komponist Peter Eötvös mit Orchesterliedern („Cinq reflets“) aus Saariahos im Jahr 2000 uraufgeführter Oper „L’amour de loin“ eingangs einen hübschen, nachimpressionistischen Klangfarbenteppich aus, auf dem viele (vor allem Blas-)­Instrumente solistisch so wirkungsvoll flanieren können, dass man die Überlänge des Läufers kaum wahrnimmt.

Viele Musiker müssen zunächst pausieren

Wohl aber hört man, dass noch lange nicht zusammengefunden hat, was jetzt zusammengehört. An den Pulten mischen sich zwar oft Badisches und Württembergisches, aber Homogenität geht anders – zumindest bei den Streichern, die ja immer so etwas sind wie die klangliche Visitenkarte eines Orchesters. Die lange solistische Bratschenphrase zu Beginn des Adagios von Gustav Mahlers (unvollendeter) zehnter Sinfonie: Da fehlen Bündelung und Feinabstimmung, vielleicht außerdem eine klare dirigentische Lenkung (auch Mahler klingt hier eher flächig) – und gemeinsame Erfahrung. Ein Orchester ist keine Klangfabrik, an deren Fließbändern die Besetzung problemlos wechseln kann, sondern eine hochsensible Stätte feinster Kunstproduktion, in der es Zeit braucht, bis man die Reaktionsmuster der anderen nahtlos mit seinen eigenen Aktionen zu verbinden weiß. Da der neue, 175 Künstler starke Klangkörper aufgrund seiner Überbesetzung viele seiner Mitglieder zwischenzeitlich zwangsbeurlauben muss (in starken Instrumentengruppen kommt mancher Musiker zunächst auf gerade mal 55 Dienste im Jahr), wird es lange dauern, bis ein derartiger Zustand orchestraler Seligkeit eintritt, ein gemeinsames Wissen, Erinnern, Fühlen und Atmen.

Patricia Kopatchinskaja glänzt

Bei den Orchesterliedern der finnischen Komponistin, die ein bisschen wirken wie ein in Musik gesetzter Internet-Chat, in dem Gefühle nur in Entfernung zugelassen und gelebt werden, sind die Solopartien mit Pia Freund (Sopran) und Russell Braun (Bariton) gut, nein: eher solide besetzt. „Ich habe Angst zu sterben, und ich habe Angst zu leben, verstehst du?“, heißt es da etwa. Man kann das auch als Kommentar zum Konzert nehmen. Bei Eötvös’ zweitem, ziemlich humorgesättigtem Violinkonzert mit dem programmatischen Titel „DoReMi“ (also: C, D, E) glänzt Patricia Kopatchinskaja. Wie sie den Wechsel zwischen Strenge und spielerischer Freiheit mit hoher Energie auflädt, wie sie – ein Kommunikationsderwisch, eine Ur-Musikantin – diese Energie in das Orchester hineinträgt, wie sie den Konzertmeister Christian Ostertag lächelnd fast anspringt und wie sie den Solobratscher im Duo förmlich zum Duell herausfordert: Das macht das Publikum nicht nur schmunzeln, sondern lockert auch ein wenig die Anspannung im Raum. Na also, geht doch! Dem volksmusikalischen Anteil in Eötvös’ ziemlich unakademischem, augenzwinkerndem Konzert folgt am Ende ein Blick zurück auf die Wurzeln des dirigierenden Komponisten, und weil dieser sich jetzt zu Hause fühlt, findet auch in Béla Bartóks Suite „Der wunderbare Mandarin“ das Orchester über glänzende solistische Bläser und (vor allem) über den Rhythmus ebenso zusammen, wie es in der Handlung der zugrunde liegenden Tanzpantomime dem Mandarin und dem Mädchen gelingt. Letztere dürften an eine Vereinigung, nicht jedoch an Heirat gedacht haben.

Die Fusion der Orchester indes hat weder mit Liebe zu tun noch mit Leidenschaft. Ob aus ihrer Zwangsehe eine Liebesbeziehung wird, ist noch offen. Die Zeit wird’s zeigen; sie muss man ihnen wohl lassen.

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