Stuttgart - Wie ticken die Mächtigen in den Chefetagen der Banken? Wie sehen sie die Krise ihrer Branche? Der Dokumentarfilmer Andres Veiel versucht ihnen auf die Spur zu kommen in seiner zweiten Bühnen-Inszenierung „Das Himbeerreich“. An diesem Freitag ist Premiere am Stuttgarter Schauspiel.


Herr Veiel, was ist das Himbeerreich?
Ein Ort, an dem Bankvorstände Fahrer, Etagendiener, Sekretärin, Büro auf Lebenszeit haben – die Früchte ihres Lebens. Die Privilegien gelten bis zum Tod in vielen Banken weltweit. Der Ort ist Himmel und Hölle: Die Hölle sind die anderen, das Paradies die Versorgung, die man nie verliert, außer, man redet. Der Preis ist das Schweigen. Und unbedingte ­Loyalität. Sich dagegenzustellen, ist extrem schwer. Der frühere Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen hat das versucht und resigniert. Es wäre idealistisch gedacht, dass der Einzelne hier etwas anhalten kann. Gar nicht verändern, nur anhalten. Doch auch meine Sehnsucht ist die nach dem Helden, der nicht opportunistisch agiert, sondern im lutherschen Sinne sagt: Hier stehe ich und kann nicht anders! So jemanden ­habe ich nicht gefunden.

Wie haben Sie das Schweigen durchbrochen?
Die wollten sich erklären – aber anonym. Deshalb war ein Film undenkbar. Zum Glück hatte Hasko Weber mir schon lange angeboten, in Stuttgart etwas zu inszenieren, und ich wusste: Das ist die Chance. Er war auch gleich begeistert. Ich habe mit 25 Bankvorständen gesprochen, und manche haben ihr Tun blind verteidigt und verharmlost. Viele sind zorniger als die Demonstranten in Frankfurt, weil sie früh wussten, dass das der falsche Weg ist mit immensen Folgekosten. Sie sind Mittäter und Opfer zugleich, waren durchaus widerspenstig. Nach außen sind alle loyal. Interessant ist, wie sehr sich die Sichtweisen unterscheiden, die ich in allen Widersprüchen kenntlich machen kann.

Mit Herrhausen haben Sie sich 2001 im Dokumentarfilm „Black Box BRD“ beschäftigt. War das damals ein Thema?
Ich habe auch mit Vorständen anderer Institute gesprochen, und da ging es immer auch ums Investment-Banking und um diese Geldblase, die sich aus sich selbst heraus exponentiell vermehrt, indem sie hingeht, wo die Rendite am größten ist und ergo auch das Risiko. Schon da war klar, diese Blase wird platzen. Man hat mir gesagt: Wir melken die Kuh, solange sie Milch gibt. Es herrschte schon damals Zynismus und ich wusste, ich werde mich damit beschäftigen.

Sehen Banker das als sportlichen Wettkampf?
Das wäre legitim, wenn es am Ende nicht heißen würde: „Too big to fail“, systemrelevant, die Allgemeinheit muss zahlen. Eine große US-Versicherung wie AIG ist in die Knie gegangen und musste gerettet werden. Davon hat indirekt die Deutsche Bank profitiert, ihr wurden Ausfallversicherungen in Milliardenhöhe ausbezahlt! Da wird die ganze Absurdität des Systems offenkundig.

In der Öffentlichkeit wird erstaunlich wenig diskutiert – wundert Sie das?
Man diskutiert monatelang über 250 Millionen bei einem Flughafen, zu Recht, aber wenn für die Pleite der Hypo Real Estate im Juli 2012 das 40-Fache durch den Kamin gejagt wird, ist das eine Zehn-Zeilen-Meldung. Wir verirren uns in Nebendebatten, weil schon die Banker-Sprache bewusst abschreckt, weil Vokabeln wie „alternativlos“ Wirkung zeigen. Die Bürger haben das Gefühl, das sowieso nicht zu durchschaue. Mich hat die Recherche ermutigt: Man kann verstehen, wie Steuergelder vorsätzlich vernichtet wurden, und man sollte es auch, denn da wird Demokratie tagtäglich ausgehöhlt.

Wie groß war die Versuchung, Banker-Bashing zu betreiben?
Ich möchte komplizierte Dinge interessant erzählen an einem Ort, der auch sinnlich ist, wo sich Absurdität entfalten kann, ohne dass die Befragten zu Karikaturen werden. Aber ich benenne halbkriminelle Deals, bei denen bin ich immer noch zornig, obwohl ich das bei Proben schon 198-mal gehört habe. Ich habe Schlüsselsituationen herausgearbeitet, wo Menschen wussten, das ist falsch, nicht nur fürs Institut, sondern in der Konsequenz für die Allgemeinheit, die mit Steuermilliarden haftet.

Ihr Text ist extrem komplex – wie bekommt man den auf die Bühne?
Man braucht geeignete Schauspieler und muss ­intensiv mit ihnen arbeiten. Ich habe fast ein Jahr lang gesucht, als es nur die Interviews gab, von denen ich je fünf oder sechs zu Charakteren zusammengefasst ­habe. Interessant waren für mich Schauspieler, die Fragen stellen, Neugierde entwickeln, gedanklich einsteigen. Dann ging es darum, dass sie begreifen, was sie sagen, dass sie nicht zu schnell sprechen und Textflächen wie ein Maschinengewehr in den ­Zuschauerraum schießen. Das klingt gut, weil man Begriffe wie „stochastische Volatilität“ sowieso nicht versteht, aber man kommt nicht zu einem echten Verständnis.