Bad Hersfeld/Pforzheim - Mechthild Middeke, bei der Gewerkschaft Verdi für Amazons Logistikzentrum im hessischen Bad Hersfeld zuständig, kennt viele Klagen über die Arbeitsbedingungen bei Amazon. Doch die Zustände, die eine ARD-Dokumentation zeigte, haben auch sie überrascht: „Dass Mitarbeiter privat überwacht werden, das hatten wir noch nicht“, sagt sie unserer Zeitung. „Indem Amazon Dienstleister beauftragt, stiehlt sich der Konzern aus der Verantwortung. Amazon sollte auf Leiharbeiter verzichten, um solche Auswüchse zu verhindern.“

Die ARD hatte berichtet, ausländische Mitarbeiter von Amazon seien von dem Sicherheitsdienst H.E.S.S. auf Schritt und Tritt kontrolliert worden. Die Firma soll demnach Kontakte in die Neonazi-Szene haben. H.E.S.S. erklärte in einer Stellungnahme, es sei ein politisch und weltanschaulich neutrales Unternehmen und weise Verbindungen zum Rechtsextremismus zurück. Amazon war in dem Bericht wegen menschenunwürdiger Arbeitsbedingungen von Leiharbeitern in seinem Versandlager in Bad Hersfeld kritisiert worden. Demnach wurden während des vergangenen Weihnachtsgeschäfts Leiharbeiter aus Spanien und Polen in überbelegten Ferienwohnungen untergebracht, schlechter bezahlt als versprochen und stundenlang in Bussen hin und her gefahren.

In Pforzheim arbeiteten im Dezember 140 Leiharbeiter

Am Montag zog Amazon angesichts der Kritik von Gewerkschaften und aus der Politik erste Konsequenzen: „Amazon hat veranlasst, dass die Zusammenarbeit mit dem kritisierten Sicherheitsdienst mit sofortiger Wirkung beendet wird. Als verantwortungsvoller Arbeitgeber (. . .) hat Amazon eine Null-Toleranz-Grenze für Diskriminierung und Einschüchterung – und wir erwarten das Gleiche von allen Unternehmen, mit denen wir arbeiten“, teilte eine Sprecherin mit. Die Aufforderung von Verdi, Amazon solle künftig auf Leiharbeiter verzichten, kommentierte sie nicht.

Bundesweit arbeiten rund 8000 fest angestellte Mitarbeiter in Amazons acht Logistikzentren. In Spitzenzeiten wie im Vorweihnachtsgeschäft kommen nochmals rund 10 000 befristete Stellen dazu. Um den Bedarf zu decken, werden zusätzlich Leiharbeiter eingestellt – wie viele, das teilt Amazon nicht mit.

Im Pforzheimer Werk waren es im vergangenen Dezember laut Gewerkschaft Verdi rund 140, ein Teil davon aus dem Ausland. Dazu kamen rund 150 unbefristete und 2000 befristete direkt abgeschlossene Verträge. Weil das Werk erst vor kurzem eröffnete, konnten die meisten Stellen von den ­örtlichen Arbeitsagenturen vermittelt werden. In anderen Werken ist die Zahl der Leiharbeiter laut Verdi wesentlich höher. Melanie Rechkemmer von Verdi Pforzheim befürchtet, dass sich das ändern könnte: „Wenn Berichte über Missstände die Runde machen, könnten sich auch in der Region weniger Mitarbeiter finden. Dann könnten auch hier im großen Stil Leiharbeiter ­kommen.“

Mehr Betriebsräte für Amazon

Rechkemmer warnt vor „Bad Hersfelder Verhältnissen“ – obwohl sie keine nennenswerte Klagen in Pforzheim kenne. Zwar gebe es auch hier einen Sicherheitsdienst – dieser kontrolliere aber lediglich die Ein- und Ausgänge und die Wege zum Pausenraum. Rechkemmer ist aber auch das ein Dorn im Auge: „Dieses grundsätzliche Misstrauen finde ich unmöglich. Die Leute kommen ja zum Arbeiten und nicht zum Stehlen.“

Auch dies kommentierte Amazon nicht.

Die Gewerkschaft Verdi kündigte an, man wolle bei Amazon flächendeckend Betriebsräte durchsetzen. Bisher gebe es Betriebsräte in Bad Hersfeld und Leipzig. Kürzlich haben auch die Beschäftigten des Logistikzentrums in Graben bei Augsburg einen Betriebsrat gewählt – die jüngsten Berichte über die Arbeitsbedingungen in anderen Werken hätten der Wahl einen Schub gegeben, heißt es. Noch keinen Betriebsrat gebe es in den Zentren in Werne, Koblenz und Pforzheim. Da das Pforzheimer Werk erst im September eröffnet wurde, seien auch die Mitarbeiter der ersten Stunde noch in der Probezeit, betont Rechkemmer: „Momentan halten sich noch alle bedeckt.“