Von Sarah Huber

Althengstett. Christa Schmidt (Name von der Redaktion geändert) hat Krebs. Glaubt man den Statistiken, stirbt die Hälfte aller krebskranken Menschen an ihrem Leiden. Manche früher, manche später. Manche verzweifelt, manche verbittert, manche ruhig, manche friedvoll. Wie es der 76-Jährigen aus Althengstett im Ernstfall ergehen wird, kann niemand voraussehen. Fest steht jedoch, dass sie einen ganz besonderen Zugang zu ihrer Krankheit und ihrem Sterben gefunden hat: Sie schreibt darüber.

Wer sich mit Christa Schmidt von Angesicht zu Angesicht unterhält, der hat eine zierliche, fast unscheinbare und einfache Frau vor sich, die Wert auf gepflegte Kleidung legt, deren Haar erst leicht ergraut ist. Sie wirkt einerseits körperlich geschwächt und unsicher und spricht andererseits mit äußerst bestimmter sowie Ehrfurcht erweckender Stimme.

Diese Stimme gehört einer Mutter, die vier Kinder großgezogen und einen Familienhaushalt in Ordnung gehalten hat. Mit der Schriftstellerei hat sie nie etwas zu tun gehabt. Doch scheinbar können auch späte Herausforderungen noch ungeahnte Bedürfnisse wecken.

Als Schmidt 2009 an Krebs erkrankt, hat sie jahrelange Erfahrung im Umgang mit Kranken und Sterbenden. Sie hat sich in ihrer Pfarrgemeinde der aktiven Hospizarbeit gewidmet. Daher weiß sie, dass es wichtig sein kann, sich bewusst mit dem eigenen Schicksal auseinanderzusetzen.Während eines Klinikaufenthaltes macht ihr ein Arzt den Vorschlag, ihre Gedanken aufzuschreiben. Schmidt nimmt ihn an und schreibt bald die ersten Worte in ihr Tagebuch: "Der Wunsch ist schon lange da, einen Auftrag im Leben zu haben." Sie meint damit ihr Tagebuch. Das ist ihre letzte Aufgabe.

Schreibend setzt sie sich mit dem Alltag einer Schwerkranken auseinander, ermahnt sich selbst zur Stärke ("stell dich nicht an … klar?!") und beschäftigt sich mit Gott sowie dem Leben nach dem Tod. Sie arbeitet mit Buchstaben und Worten ihr Inneres hervor, bringt auf diese Weise "Vertracktes und Verzwicktes" zu Papier. Sie schreibt bewusst eine Alles-ist-gut-Haltung herbei – ein "tiefes Vertrauen, dass es gut ist, wie es für mich beschieden ist".

Christa Schmidt schreibt aber nicht nur für sich selbst. Ihren Auftrag sieht sie auch darin, für ihre Familie und Freunde etwas ganz Persönliches zu hinterlassen. Sie möchte Antworten geben auf deren Fragen: "Was hat sie so gedacht und gefühlt?". Sie lehnt sich an ein Zitat aus Arno Geigers aktuellem Buch "Der alte König in seinem Exil" an, in dem es heißt: "Und wenn es einmal so ist, dass der Vater seinen Kindern sonst nichts mehr beibringen kann, dann zumindest noch, was es heißt, alt und krank zu sein." Für Schmidt ist der Gedanke schön, auch in ihrer Gebrechlichkeit ihren Kindern etwas geben zu können, etwas, das nur in dieser bestimmten Phase des Lebens möglich ist.

In ihrem Tagebuch bereitet sich Schmidt auf den Tod vor, indem sie den Zustand des Sterbens zwischen Leben und Tod gedanklich vorwegnimmt. Sie beschreibt das Hin- und-Hergerissensein zwischen zwei Welten. So heißt es in einem von ihr verfassten Gedicht: "Ich sehne mich nach End und Gott / und bin doch festgehalten und gerne festgehalten auf dieser so schönen und schrecklichen Welt". Die letzten Seiten ihres Tagebuchs zeugen jedoch von Vorfreude und Neugierde auf das "Neue Leben", das sie erwartet.

Durch das Schreiben konnte sie mit ihrem Leben abschließen. Sie hat eine Form gefunden, ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen und sich sowie ihren Angehörigen damit etwas Gutes getan. Vielleicht kann sie für andere ein Vorbild sein. Schreiben ist ja bekanntlich eine der ältesten und effizientesten Therapieformen. Christa Schmidt beendet ihre Schreibtherapie vorerst mit der letzten Seite ihres Tagebuchs. Es bleibt offen, an wen sie ihr abschließendes Wort richtet, ob an ihren Arzt, an sich selbst, ob an das Leben, an Gott oder gar an die Sprache: "Danke!".