
Altensteig/Tübingen - Im vergangenen August überfiel ein 21-Jähriger aus Altensteig die dortige MTB-Tankstelle, nahm die 29-jährige Verkäuferin als Geisel und lieferte sich eine wilde Verfolgungsjagd mit der Polizei.
Seit Freitag erfolgt vor dem Landgericht Tübingen nun die juristische Aufarbeitung des Falls.Offen ausgesprochen wurde es am ersten Verhandlungstag nicht. Klar ist jedoch, dass sich die erste große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Ralf Peters beim Strafmaß für den 21-jährigen, geständigen Angeklagten mit der Frage auseinandersetzen werden muss, inwieweit sich dessen Gesundheitszustand auf die Tat oder die Schuldfähigkeit ausgewirkt haben könnte. Mehrfach machte der junge Türke deutlich, dass er schon über Jahre psychische Probleme habe, Panikattacken und Angst. Wie schwer dies wiegt, wird am zweiten Verhandlungstag kommenden Dienstag das ärztliche Gutachten von Stephan Bork zeigen.
In Angst lebt bis zum heutigen Tag auch das Opfer des schweren Raubes, die 29-jährige Verkäuferin der Tankstelle, die der Angeklagte am 28. August 2011 gegen 23.15 Uhr überfallen hat. Nachdem der 21-Jährige die Tankstelle zuvor zweimal betreten hatte, überraschte er die Verkäuferin nach Dienstschluss an deren Auto. "Er kam aus dem Nichts", schilderte die 29-Jährige vor Gericht.
Der weitere Ablauf der Geschehnisse war in der Darstellung von Opfer und Angeklagtem im großen Rahmen deckungsgleich. In nicht unbedeutenden Details gibt es Abweichungen: Das Messer, das der Angeklagte zog, nachdem er ungefragt ins Auto der Verkäuferin gestiegen war, will er nur vor sich gehalten haben. Nach Darstellung der Zeugin hielt ihr der Angeklagte die rund zehn Zentimeter lange Klinge aber an den Hals sowie an den Bauch. "Ich habe die Klinge deutlich gespürt, er hat mich mehrfach gepiekt."
Die Verkäuferin überließ dem 21-Jährigen, der ohne Schulabschluss und Berufsausbildung zuletzt bei den Eltern wohnte, den Schlüssel sowie den Alarmcode für die Tankstelle. Letztlich konnte sie ihn davon überzeugen, ihn nicht in den Kofferraum zu sperren. "Da wollte ich auf keinen Fall rein." So half sie ihm notgedrungen beim Zusammentragen der Beute: mehr als 1000 Euro Bargeld, Prepaidkarten, Zigaretten und ein Computer.
Letzteren nahm der Angeklagte wohl mit, weil sich darauf die Aufzeichnungen der Überwachungskamera befanden. So funkte offenbar immer wieder bewusstes Handeln auf, während die Verkäuferin ansonsten den Ablauf als eher planlos, manchmal gar skurril schilderte. So, als der Angeklagte fragte, ob sie eine Kiste heben könne oder ob sie schwanger sei.
Schließlich zwang der Angeklagte, der von einem chaotischen Elternhaus und einem zuletzt zurückgezogenen Leben berichtete, die Angeklagte, ihn in einen Teilort zu fahren, wo er sie frei ließ. Laut Zeugin mit der Feststellung, dass sie froh sein könne, ein anderer hätte sie umgebracht.
Den Angeklagten zog es gen Sindelfingen, wo er eine Prostituierte aufsuchen wollte. Nach der von Staatsanwalt Marc Barunovic vorgetragenen Anklage fing ihn aber die Böblinger Polizei ab. Mit der lieferte er sich eine Verfolgungsjagd und gefährdete mehrere Beamte. Das läuft unter versuchter Körperverletzung. Eher unbedeutend wirkt da das Fahren ohne Fahrerlaubnis. Das allerdings schon zum wiederholten Mal – auch mit Unfällen.
Der Prozess wird am Dienstag vorgesetzt, für Freitag wird das Urteil erwartet.