
Von Bärbel Altendorf-Jehle Alpirsbach-Reinerzau. Das Jodeln aus den Schweizer Bergen ist bekannt. Doch nahezu in Vergessenheit geraten ist das Johlen im Schwarzwald. Damit verständigten sich bis in die 1950er/1960er-Jahre die Waldarbeiter.Kurt Weigold, 80, kann diese Art von Sprechgesang oder melodiösem Ruf auch heute noch. Er steht im Wald, hebt erst eine Hand zum Mund, dann die andere, bildet einen Trichter, holt tief Luft und es erschallt sein Ruf: "Schätzle, wo leigst Du?" Dieser Ruf hallte früher durch den Wald, nachdem ein Baum gefällt war. Der Sprechgesang, begleitet von jodelähnlichen Tönen, geht weiter: "Draußen im greenen Wald laig i." Mit Schätzle ist der Baum gemeint. Also: "Baum wo liegst Du? Draußen im grünen Wald liege ich."
Kurt Weigold hat für den Fürsten zu Fürstenberg, dem auch Wälder an den Reinerzauer Hängen gehören, gearbeitet. Zu Beginn der Tagesarbeit wurde stets ein Gebet gesprochen. Damals wurden die Bäume noch mit der Axt gefällt. Die Waldarbeiter waren nicht wie heute in Gruppen zusammen, sondern immer zu zweit unterwegs. Um den Kollegen, die ganz woanders im Wald eingesetzt waren, Bescheid zu geben, dass der Baum gefällt und nichts passiert war, wurde von Hang zu Hang, von Tal zu Tal gejohlt. Kurt Weigold: "Steht man beispielsweise hoch oben im Xaphirwäldle und johlt, dann schallt der Ruf durch die Täler des Huttenbächle, des Rötenbächle, der Reinerzau und durch das Bernecktal. Manchmal kam das Echo dann sogar vier Mal wieder zurück." Die Frauen daheim wussten somit auch Bescheid. "Es knabbert alles zusamme, isch en rechter Baum": Damit sagte man den weit entfernten Waldarbeitern, dass ein starker Baum gefällt worden war. Die Kollegen auf der gegenüberliegenden Seite johlten entsprechende Kommentare zurück.
"Es gibt so viele Rufe, aber mit der Zeit vergisst man sie", sagt Kurt Weigold. Mit dem Gejohle rief man sich zu, wann Vesper-, Mittagszeit oder Feierabend war, und es konnte Hilfe herbeigeholt werden. Vor Jahren hörte Kurt Weigold jemanden im Wald johlen, meinte, es sei was passiert, fuhr zur Stelle hin, fand jedoch nur einen Mann, der das Echo mit dem Johlen ausprobieren wollte. Das ist nicht immer da. Bei Schnee und Regen kann das Echo schon ausbleiben.
Jedes Jahr, wenn in Reinerzau die Stämme die Schauriese – eine Rutsche vom Berg hinab ins Tal – hinunter gelassen werden und unten die Wolfacher Flößer zeigen, wie man Flöße baut, dann erschallt auch das Gejohle von Kurt Weigold, der es immer noch prächtig kann. Auch wenn man im hohen Alter, wie er meint, nicht mehr ganz so viel Luft dafür hat. Aber Spaß macht es nach wie vor. Verschmitzt hebt er die Hände zum Mund und johlt, dass es im ganzen Reinerzauer Tal erschallt, wie anno dazumal, als Kurt Weigold noch ein junger Bursche war.