Alpirsbach Dreister Betrug bei Kaffeefahrten

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Die angeblich heilende Edelstein-Decke: verkauft für 2200 Euro, Hersteller unbekannt. Foto: Obst

Stuttgart/Alpirsbach - Kaffeefahrten-Veranstalter versuchen sich immer raffinierter zu tarnen: Um Spuren zu verwischen, werden dubiose Verkaufsfahrten über Büros in Polen organisiert. Eine Bremer Gruppe, die im Großraum Stuttgart Opfer suchte, ist trotzdem aufgeflogen. Wir waren dabei. Bitte einsteigen: Stuttgart-Rohr, Möhringen, Fasanenhof, Sillenbuch, Heumaden, Plieningen, Leinfelden-Echterdingen, Filderstadt, Waldenbuch, Dettenhausen, Weil im Schönbuch, Holzgerlingen.

Oder Sindelfingen, Böblingen, Ehningen, Gärtringen, Nufringen, Herrenberg. Oder Ostfildern, Neuhausen, Wolfschlugen, Aichtal, Pliezhausen. Angebliche Gewinnübergaben sind diese und nächste Woche versprochen – die dubiosen Kaffeefahrten laufen auf Hochtouren. Das Versprechen: "Feinkost-Lebensmittel überreicht den Gewinn in Höhe von 500,00 Euro, wir laden Sie herzlich ein! Ihre Karte wurde mit ihrer Gewinnnummer gezogen. 500,00 Euro erhält der Gewinner in bar." Absender ist ein Postfach im Bremer Stadtbezirk West. Doch wer steckt dahinter?

Nach telefonischer Vorabsprache geht in einem Gasthof nahe Alpirsbach ein Fax ein. Man wolle für eine Busreisegruppe einen Veranstaltungsraum für drei Tage mieten. Der Wirt und Metzger, der selbst polnische Mitarbeiter hat, ist erfreut. "Ich dachte, da käme eine polnische Reisegruppe, das trifft sich ja gut", sagt er. Dann quartierten sich drei Männer und ein Hund bei ihm ein, ohne Namen zu hinterlassen. Drei Deutsche aus Bremen. Sie begrüßen am ersten Tag 29 Reisende – aber nicht aus Polen, sondern aus dem Großraum Stuttgart.

Wer gewinnen will, muss erst mal was kaufen, oder? Was Kleines wenigstens. Dafür gibt’s einen Zettel als Nominierung für ein Geschenk dazu. Eine Teilnehmerin kauft eine Tube Alpenkräuter-Emulsion für 25 Euro.

Preise und Geschenke werden vom Kauf höherwertiger Gegenstände abhängig gemacht. Ein 72-jähriges Ehepaar aus dem Kreis Böblingen interessiert sich für ein Topfset – und lässt sich im Spiel um Geschenkversprechen und Garantiescheine förmlich in die Ecke drängen. Den Verkäufern geht es nämlich vor allem um eines: Um eine angebliche Edelstein-Decke, mit 36 Heilsteinen. Am Ende, nach mehreren Stunden im Gasthof, gibt das 72-jährige Ehepaar nach. Ja, es habe Interesse an einer solchen Edelstein-Decke. Von 4000 auf 2200 Euro heruntergesetzt. Als Ehepaar braucht man natürlich zwei.

Zwei 78 und 74 Jahre alte Teilnehmer lassen sich auch zum Kauf der 2200-Euro-Decken überreden. Die Opfer haben Glück. Denn die Polizei hat die Veranstaltung längst im Auge und einen Lockvogel im Spiel.

Die Verkäufer in Alpirsbach sind natürlich nicht diejenigen, die die Tour organisiert haben. Sie haben sie nur von den Planern gekauft. Die sitzen angeblich im polnischen Slubice. In Wahrheit ist das Bürohaus nur 550 Meter von der deutschen Grenze an der Oder entfernt. Die Firma selbst wird einem 41-jährigen Cloppenburger zugerechnet, der sich vor dem Oldenburger Landgericht verantworten muss. Weil seine Gewinneinladungen angeblich von einem Rechtsanwalt versandt wurden, ist er wegen Urkundenfälschung angeklagt.

Doch die Gewinnschreiben der Feinkostkette stammen nach Einschätzung von Experten gar nicht von der Cloppenburger Fraktion. Vielmehr führt die Spur von Polen zu einer Konkurrentin, die mit ihrem Partner ebenfalls bis zu zehn Kaffeefahrt-Touren täglich im Bundesgebiet plant. Dazu gibt es verschiedene Briefkastenadressen, doch tatsächlich soll das Paar von Wildeshausen aus agieren, einer 19 000-Einwohner-Stadt im niedersächsischen Landkreis Oldenburg.

Am nächsten Tag schlägt die Polizei zu. Klaus Mezger vom Polizeipräsidium Ludwigsburg lässt die Auslieferung der Edelstein-Matratzen im Kreis Böblingen stoppen. Ein Volltreffer: Im Wagen sitzen Toni und Hermann, zwei 30 und 43 Jahre alte Bremer, außerdem liegt ein Ausweis von Ralf im Fahrzeug. Der 54-Jährige hatte den silberfarbenen Ford-Transporter in Bremen gemietet. Im Kreis Böblingen ist das 72-jährige Ehepaar erleichtert.

Hauptkommissar Kurt Kirschenmann von der Polizei in Freudenstadt schlägt zeitgleich im Gasthof in Alpirsbach zu. Die Verkäufer haben am Dienstag die Veranstaltung kurzfristig abgesagt und tauchen zeitweise unter.

"Wir ermitteln wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Betrugs und Verstoßes gegen das Heilmittelwerbegesetz", sagt Kurt Kirschenmann.

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