Region - Einen Tag lang ging Clemens Kieser mit Edgar Baur durch den tiefsten Schwarzwald. Dann war der Denkmalpfleger vom Augenschein überzeugt: Drei "Riesen" im Kreis Freudenstadt wies er als Kulturdenkmale aus.

Es sind die ersten im mittleren Schwarzwald, die exemplarisch als erhaltenswert eingestuft wurden. Edgar Baur von den Wolfacher Kinzigflößern hat Clemens Kieser vom Referat für Denkmalpflege des Regierungspräsidiums Karlsruhe zu den drei besonders gut erhaltenen Baum-Rutschbahnen geführt. Sie besichtigten die "Hofbauern-Riese" in Reinerzau bei Alpirsbach, die "Lang’ Rinden-Riese" in Absbach/Holzwald bei Bad Rippoldsau mit der "Teufels-Riese" am ehemaligen Floßweiher und die "Stein-Riese" im Lohmühlental bei Ehlenbogen.

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Die "Hofbauern-Riese" ist in der Region bereits gut bekannt: Einmal im Jahr wird dort bei einem "Schau-Riesen" demonstriert, wie die Baumstämme früher vom Berg zu Tal donnerten. In Reinerzau wird das alte und für die Waldarbeiter auch gefährliche Handwerk also schon unter einem touristischem Aspekt vorgeführt. Der Auslauf der "Riese" im Oberen Dörfle in Reinerzau wurde restauriert und ist, wie Baur vermerkt, derzeit in der Region die einzige funktionsfähige Baum-Bahn aus früherer Zeit.

Bevor es Lastwagen und die Eisenbahn gab, war der Langholztransport im Wald ein schwieriges Unterfangen. Mit Pferd, Ochse und Wagen war er, so der Flößerei-Experte, nur über kürzere Entfernungen möglich. So blieb nur der Transport über das Wasser. Allerdings mussten Baumstämme und Brennholz zunächst von den Höhen der Berge ans Wasser gebracht werden. Dies geschah mit speziellen Bauwerken, den "Riesen". Das "Riesen" der Holzstämme war rund 600 Jahre lang eine Voraussetzung für die Flößerei, eines der wichtigsten Gewerbe der heimischen Bevölkerung. Ins Kinzigtal, ja bis nach Straßburg und nach Holland wurde Bau- und Brennholz aus dem Schwarzwald geliefert. Die Baum-Rutschen waren bis Ende des 19. Jahrhunderts, zum Teil auch noch bis ins 20. Jahrhundert hinein in Betrieb.

Reste sollen erhalten bleiben

Reste der "Riesen" wie Mauern und Trassen finden sich an vielen Stellen im mittleren Schwarzwald. Edgar Baur setzt sich dafür ein, dass sie erhalten werden. Und sein Engagement trug nun Früchte: "Mit der Anmeldung als Kulturdenkmal soll erreicht werden", sagt Baur, "dass die heute noch vorhandenen Reste die notwendige Aufmerksamkeit erfahren und erhalten bleiben."

Das liegt durchaus auch im Interesse des Denkmalamts. Die "Riesen" erinnern, betont Clemens Kieser vom Regierungspräsidium im Gespräch mit unserer Zeitung, an die Wurzeln des Wohlstands im Schwarzwald: "Ein Gruß aus dem 19. Jahrhundert." Für den Fachmann sind die Baum-Bahnen nicht nur Zeugnisse der Ingenieursbaukunst, sondern auch "ein Stück Identität der Region". Deshalb habe auch das Referat Denkmalpflege ein Interesse daran, dass man die Reste der  "Riesen" "in Ruhe lässt". Er habe, so Kieser, die drei besonders gut erhaltenen "Riesen" in Alpirsbach und Bad Rippoldsau-Schapbach auf die Denkmalliste gesetzt und dies dem Freudenstädter Landratsamt mitgeteilt.

Bei aller historischer Würdigung der "Riesen" – für den Denkmalpfleger ist auch die sinnliche Erfahrung der alten Bauwerke wichtig. Kieser wünscht sich deshalb, dass viele Einheimische und Besucher die alten Rinnen im dunklen Tann erkunden. So wie er selbst an einem Frühlingstag in diesem Jahr mit Edgar Baur.

Eine "Riese" ist, wie Edgar Baur von den Wolfacher Kinzigflößern erklärt, eine Rinne, Mulde oder Rutsche. Sie wird in die Erde gegraben oder aus Langholz, Granit, Sandsteinen oder Brettern hergestellt. "Riesen" haben einen halbkreisförmigen Querschnitt und wurden früher kilometerweit ins Tal verlegt. Je nach Geländeform wurden mehrere Baumstämme übereinander als seitliche Befestigung angebracht. Manchmal mussten auch Einbuchtungen im Gelände mit aufgeschichteten Steinen ausgeglichen oder begradigt werden.

Die Baumstämme wurden am dickeren Ende abgerundet und anschließend "geriest": Unter Ausnutzung der Schwerkraft ließ man sie in der Rinne abwärts rutschen. Brenn- oder Scheiterholz wurde auf ähnlich konstruierten Bahnen oder auf Schlittenwegen zum Wasser transportiert.