
Von Anne Retter
Albstadt-Tailfingen. Ein bestrickendes Thema hatte sich Günter Haffelder für einen Vortrag im Maschenmuseum ausgesucht. Der Stuttgarter Psychologe und Physiker brachte erstaunliche Erkenntnisse mit.
Wie funktioniert das Gehirn, welchen Einfluss haben Musik, moderne Technik und veränderte Sozialisation auf seine Entwicklung, was haben Lernstörungen und Parkinson gemeinsam – und wieso ist Stricken oder Fingerhäkeln mehr als ein textiles Hobby? Diese und andere Fragen beantwortete Günter Haffelder im Maschenmuseum.
Wie zwei Schals– ganz verdreht
"Macht Stricken schlau?", wollte Museumsleiterin Susanne Goebel wissen. Haffelder, Leiter eines Forschungsinstitut für Kommunikation und Gehirnforschung, ließ sich mit der Antwort etwas Zeit und stellte erst einmal das spektralanalytischen EEG vor, das er und seine Mitarbeiter entwickelt haben. Seine dreidimensionalen Kurven sehen aus wie ein verdrehter Schal – oder richtiger: zwei Schals, denn Geschehnisse in rechter und linker Gehirnhälfte werden getrennt gemessen und parallel dargestellt.
Die Darstellung kann aufschlussreich sein: Entsprechen sich die Muster, wie es sein sollte? Oder sieht die Kurve aus wie ein spitz gezahntes Alpenpanorama? Wenn beim Besucher eines Rockfestivals die linke Hirnhälfte erkennbar im Rhythmus der Musik oszilliert, sich auf der rechten Seite aber gar nichts tut, dann, so Haffelder, liegt der Verdacht nahe, dass der Proband zwar bei der Sache ist, aber nicht die große Ekstase erlebt. Die linke Gehirnhälfte ist nämlich Sitz des Bewusstseins, logisch und zeitlich orientiert, verbal, analytisch und seriell. Die rechte Seite ist für unbewusste Dinge zuständig, kreativ, musisch, emotional und körperorientiert.
Informationsflutlöst Ärger und Frust aus
Das Gehirn kann nur eine begrenzte Zahl von Informationen verarbeiten – laufen zu viele ein, wird der Mensch ärgerlich, frustriert und aggressiv. Ursache von 80 Prozent aller Lernstörungen sind laut Haffelder Probleme mit der sogenannten Ordnungsschwelle. Das ist der Mindestabstand, in dem zwei Reize aufeinander folgen müssen, um getrennt aufgenommen zu werden. Kinder mit hoher Ordnungsschwelle können sich noch so sehr anstrengen, dem Lehrer zu folgen – wenn die Reize sich die Klinke in die Hand geben, entstehen Lücken: Das Kind hat zwar gehört, dass es ein Heft aus dem Ranzen nehmen soll, aber nicht mitbekommen, welches.
Wie lässt sich die Ordnungsschwelle senken? Indem man Frequenzen, die dem Rhythmus im Gehirn fehlen, "zufüttert", sagt Haffelder. Wie das? Durch eine individuell angepasste Musik-CD etwa, die Kinder beim Lernen hören, oder durch das Sitzen auf flexiblen Kissen, die kleinste Bewegungen auslösen. Laut Haffelder haben diese Techniken auch bei geistigen Behinderungen, Parkinson, Schlaganfall- und Wachkomapatienten zu großen Erfolgen geführt.
Und wie ist das nun mit dem Stricken? "Auch eine Art Mikrobewegung", sagt Haffelder. "Wenn sie kreativ stricken und Muster entwickeln, die sie herausfordern, dann ist das eine Anregung und Training fürs Gehirn." Im günstigsten Fall sieht am Ende nicht nur der gestrickte Schal gut aus, sondern auch die beiden Schals des EEG.