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Albstadt Nach der Gänsehaut kam die Gelassenheit

Schwarzwälder-Bote, vom 29.09.2011 18:00 Uhr
Hans Pfarr ist mit 75 Jahren der tatkräftige, umtriebige, humorvolle, manchmal schelmische Mann geblieben, der er immer war, und freut sich auf die Aufgaben, die vor ihm liegen. 
Foto: Eyrich Foto: Schwarzwälder-Bote
Hans Pfarr ist mit 75 Jahren der tatkräftige, umtriebige, humorvolle, manchmal schelmische Mann geblieben, der er immer war, und freut sich auf die Aufgaben, die vor ihm liegen. Foto: Eyrich Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Karina Eyrich

Albstadt. Dass man ihm sein Alter nicht ansieht, weiß Hans Pfarr. Wie er das schafft, weiß er nicht. Doch selbst an seinem heutigen 75. Geburtstag will der Ehrentitel "Alt-Oberbürgermeister" nicht so recht zu ihm passen.

Berühmtheiten hat er kennengelernt, Alt-Kanzler Kurt Georg Kiesinger hat ihm seinen besten Cognac geschenkt, sein Vor-Vorgänger Walther Groz ist ihm ein guter Freund geworden und als "Mister Polio" ist er seit anderthalb Jahrzehnten eine Institution beim Rotary Club Deutschland und international.

Doch obwohl Hans Pfarr – auch durch seine 16 Jahre als Albstadts erster Oberbürgermeister – Hinz und Kunz kennt: Das Wort "Netzwerken" mag Pfarr gar nicht, wenngleich er es erfunden haben könnte.

In Stuttgart hat Hans Pfarr heute vor 75 Jahren seine Lebensreise angetreten, im Zweiten Weltkrieg den Vater verloren, ist ausgebombt worden. Vielleicht waren es jene dunklen Stunden, die ihn später zum überzeugten Mittäter der deutsch-französischen Freundschaft gemacht haben.

Die Aussöhnung lebt er bis heute, vor allem in der Partnerstadt Chambéry, wo Pfarr viele Freunde hat: "Bei Charles de Gaulles berühmter Balkonrede – ›Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!‹ – war ich als Student dabei", erinnert sich Pfarr an jenen Tag in Bonn 1962. Bis er mit dem Kriegsveteranen Rudi Gerstner die Anhänger der Resistence, des französischen Widerstands gegen Hitler, bei einer Ausstellungseröffnung beehrte und bis er 1978 seine Unterschrift unter den Partnerschaftsvertrag mit Chambéry setzte, war es nur zeitlich noch ein weiter Weg.

Albstadt hat Hans Pfarr nicht gekannt, als er sich 1974 als Oberbürgermeister dort bewarb, denn das gab es noch nicht. Dessen heutige Stadtteile schon: Seine Aufgaben als erster Justiziar der Staatlichen Hochbauverwaltung des Landes Baden-Württemberg – wie so oft im Leben war er dort ein Pionier – hatten ihn manches Mal in die Gegend geführt.

"Die Herausforderung, hier etwas aufzubauen, hat mich gereizt", sagt er. "Und mir war schnell klar: Hier kann ich mit meiner Familie gut Wurzeln schlagen, in diesem Menschenschlag finde ich mich selbst immer wieder."

1978 wird auch seine Welt erschüttert

Nur Erdbeben, wie es sie auf der Schwäbischen Alb ab und an gibt, hatte er noch keines erlebt – bis zu jenem Sonntag 1978, da um 6.08 Uhr die Bücher von den Borden in seinem Haus flogen und Pfarrs vielleicht größte Herausforderung als OB begann. Alle seine Kontakte hat er mobilisiert, ist zwischen Katastrophenstab und Hilfe vor Ort über sich hinausgewachsen und hat doch insgeheim "jedes Mal eine Gänsehaut bekommen, wenn es geschüttelt hat" – auch die Nachbeben hatten es in sich.

"Wenn man eine solche Aufgabe am Ende als erledigt ansehen kann mit der Erkenntnis, es im Rahmen des Möglichen richtig gemacht zu haben, sieht man manches gelassener", sagt Pfarr heute. Diese Gelassenheit ist es vielleicht, die das nicht verschwinden wollende Lächeln auf seinem Gesicht beflügelt. Sie ist sein Kraftzentrum, ebenso wie sein Humor – manchmal spitzbübisch und verschmitzt, aber immer herzlich.

200 Millionen Dollar – das ist sein Ziel

Diesen Charme setzt Hans Pfarr seit mehr als 15 Jahren im Kampf gegen eine einst weltweit verbreitete Krankheit ein: Kinderlähmung. Dass der Rotary Club Deutschland seinen Anteil an der "200-Millionen-Dollar-Challenge" – so viel will die weltweite Organisation bis zum 30. Juni 2012 für den Kampf gegen die Krankheit spenden – schon erreicht hat, ist nicht alleine Hans Pfarr zu verdanken. Dass er daran aber wesentlich beteiligt ist, weiß er wohl insgeheim und ist zuversichtlich bis sicher, den Tag noch zu erleben, an dem auch in den letzten vier epidemischen Ländern – Indien, Afghanistan, Pakistan und Nigeria – die Ansteckungskette als unterbrochen gelten darf.

Dafür tourt Hans Pfarr unermüdlich und weltweit umher, nimmt sich aber auch gerne die Zeit für private Reisen mit seiner Frau Hedda, mit der er zwei Töchter hat und von der er weiß, wie wichtig sie für ihn war und ist: als Freundin, Familienmanagerin und Ratgeberin. Seinen Vorsitz im Meisterprüfungsausschuss der Stukkateure des Landes Baden-Württemberg hat Pfarr vor zwei Jahren aufgegeben und genießt seitdem ein weiteres Stückchen Freiheit mehr, auch wenn ihn als Vereinsvorsitzenden derzeit die Planung des 50. Jubiläums des Kammerorchesters Ebingen 2012 umtreibt – zusammen mit dem Dirigenten Dietmar Oberer.

Langweilig wird es Hans Pfarr also nicht. Doch was wünscht sich ein so fideler Jubilar zum Geburtstag? "Ich freue mich über Kleinigkeiten – und wenn jemand an mich denkt", sagt er und lächelt. Nicht nur in Albstadt werden das viele tun – und nicht glauben, dass der junge Alt-OB schon 75 sein soll.

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