Albstadt Im heißen Klima ticken Leute anders

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n Nicht mit links: Die linke Hand gilt in vielen Kulturen als unrein. Geschenke und Speisen sollten mit rechts gereicht werden. n Bitte gleichgeschlechtlich: In Ländern wie Syrien ist es unüblich, dass Männer und Frauen, die nicht miteinander verheiratet sind, Gespräche führen. Männer sollten deshalb mit Männern, Frauen mit Frauen sprechen, vor allem bei den ersten Kontakten. n Richtig kleiden: Freizügige Kleidung sollte für Besuche bei Muslimen tabu sein. Liegen Teppiche aus, zieht der Besucher die Schuhe aus. n Gespräche: Religion und Glaubensfragen sollten kein Thema für Streitgespräche sein. In Heißklimakulturen wie im Nahen Osten gilt es als unhöflich, sich nicht nach dem Befinden der Familie zu erkundigen und nur sachliche Themen zu erörtern. n Geschenke: Angebotene Speisen und Getränke sollten angenommen werden. Bringt eine muslimische Nachbarin einen Teller, etwa mit Gebäck, gibt man ihr diesen nicht leer, sondern ebenfalls gefüllt zurück. Foto: fotolia/fotomek Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Karina Eyrich

Vieles, was zwischen Christen und Muslimen zu Verstimmungen, ja sogar zu Ärger führt, beruht auf Missverständnissen. Der evangelische Theologe Detlef Garbers, der in der Türkei gelebt hat und weiß, wovon er spricht, hat sein Wissen im Foyer der Zollernalbhalle geteilt.

Albstadt-Tailfingen. "Es ist besser, mit Muslimen zu sprechen als über sie", so hat Pastor Günther Röhm vom Süddeutschen Gemeinschaftsverband einen Abend eröffnet, der dank eines kenntnisreichen Referenten ein Gewinn für jeden der rund 50 Teilnehmer war: Detlef Garbers, evangelischer Theologe aus Hoffenheim und Mitarbeiter der Deutschen Missionsgemeinschaft, ist mit einer türkischstämmigen Frau verheiratet und hat von 1999 bis 2007 in der türkischen Hauptstadt Ankara einen christlichen Buchladen aufgebaut.

Warum ist er zurückgekommen? "In den Augen der Türken ist jeder Türke Moslem – Christen gelten als Staatsverräter", und so habe er keine Arbeitserlaubnis mehr erhalten, als der Nationalismus – "die treibende Kraft in der Türkei" – immer stärker wurde.

Missverständnisse, die oft auf mangelnde Anpassungs- und Verständigungsbereitschaft zurückgeführt werden, erklärte Garbers mit der unterschiedlichen Denkweise der Menschen in Heißklimakulturen, also auch der Muslime. Anders als die rational gesteuerten, effizienten Deutschen in ihrer Kaltklimakultur seien diese beziehungsorientiert: Kommunikation diene nicht dem Informationsaustausch, sondern vorwiegend der zwischenmenschlichen Wohlfühlatmosphäre. Das vermissten Flüchtlinge hierzulande oft, deshalb sei es gut, sie anzusprechen, sie zu fragen, wie es ihnen gehe, ob sie etwas brauchten und ob man ihnen helfen könne. Die besten Wege zur Integration seien "reden, reden, reden" und "zuhören, zuhören, zuhören", und für Menschen aus Heißklimakulturen sei es "ein Horror, niemanden zum Reden zu haben".

Gebete als Gespräche mit Gott sind unbekannt

Dass Glaube hierzulande als Privatsache verstanden werde, sei für Muslime unverständlich, sagte Garbers und rief die Zuhörer dazu auf, zu ihrem Glauben zu stehen und davon zu erzählen – allerdings nicht in Streitgesprächen. Gebete seien für Christen Gespräche mit Gott, für Muslime seien sie ein Rezitieren vorformulierter Gebete, um Allah, der "ganz weit weg" sei, ihre Hingabe zu bezeigen.

Als "Schlüsselgeschichte" aus der Bibel, die Muslimen den Kern des christlichen Glaubens – die Gnade – vermittle, erzählte Garbers von der Begegnung Jesu mit einer Ehebrecherin, die gesteinigt werden sollte. Höre ein Muslim, was Jesus gesagt habe – "Wer von Euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein" –, dann denke er, dass Jesus die Bestrafung der Frau übernommen habe. Schließlich sei er – auch im Islam gilt er als Prophet – ohne Sünde gewesen. Gnade – "das Wertvollste, was Gott in diese Welt getragen hat" – erwarteten Muslime nicht, und ihre größte Angst sei, "in die Hölle zu kommen".

Weil es in Heißklimakulturen nicht üblich sei, dass nicht miteinander verheiratete Frauen und Männer miteinander sprechen, rief Garbers den Besuchern zu: "Wir brauchen vor allem mutige Männer, die auf Flüchtlinge" – ein Großteil von ihnen sind junge Männer – "zugehen, und Frauen, die schon das Mütterliche oder Großmütterliche verkörpern." Denn nach ihren Müttern – hohe Autoritäten in dortigen Familien – hätten junge Muslime "ganz viel Heimweh".

Auch das Thema Mohammed-Karikaturen – mehrfach Anlass für terroristische Attacken – sparte Garbers nicht aus: "Wir müssen uns selbst fragen: Will ich diese Menschen mit hinein nehmen, oder will ich sie vor den Kopf stoßen, um meine persönliche Freiheit voll auszuleben?" Nicht alles, was rechtlich erlaubt sei, müsse man tun.

  Die Gesprächsreihe der Süddeutschen Gemeinschaft wird am Mittwoch, 20. April, ab 20 Uhr im Foyer der Zollernalbhalle fortgesetzt. Das Thema lautet dann: "Wenn die Angst das Leben bestimmt."

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