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Albstadt "Die Ebinger waren immer die Herren"

Schwarzwälder-Bote, vom 03.02.2012 21:00 Uhr
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Ebingens Oberbürgermeister Hans Hoss (links) und der stellvertretende Bürgermeister von Lautlingen, Otto Gringel, unterzeichnen am 23. März 1972 den Eingliederungsvertrag. 
Foto: Archiv Foto: Schwarzwälder-Bote
Ebingens Oberbürgermeister Hans Hoss (links) und der stellvertretende Bürgermeister von Lautlingen, Otto Gringel, unterzeichnen am 23. März 1972 den Eingliederungsvertrag. Foto: Archiv Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Nicole Westhauser

Albstadt-Lautlingen. Lautlingen gehört heute fast so selbstverständlich zu Albstadt wie das Stauffenberg-Schloss zu Lautlingen. Dabei liegen die Zeiten der Selbständigkeit noch gar nicht so weit zurück: Vor 40 Jahren wurde der Ort nach Ebingen eingemeindet.Im Zuge der Verwaltungsreform in Baden-Württemberg waren auch die Lautlinger gezwungen gewesen, sich mit dem Gedanken anzufreunden, dass sie künftig Teil einer größeren kommunalpolitischen Einheit sein würden. Anfang 1971 kündigte die Gemeindeverwaltung Beratungen über eine mögliche Eingemeindung ins benachbarte Ebingen an. Zwei Ereignisse hatten den Ausschlag dafür gegeben: Der Plan, einen Verwaltungsverband Oberes Eyachtal zu gründen war gescheitert – und die Eingemeindungsverhandlungen zwischen Margrethausen und Ebingen hatten die Verantwortlichen im Lautlinger Rathaus nachdenklich gemacht.

Eyachtäler hatten Angst um "ihre" Gemeinde

Wobei der Weg zur Eingemeindung nicht frei von Hindernissen war. Problematisch erschien zum Einen, dass zu den vier Kandidaten, die sich um die Nachfolge des Ebinger Beigeordneten Ernst Kircher bewarben, auch Lautlingens Bürgermeister Rudolf Forcher zählte – das weckte bei manchen den Argwohn, Lautlingens Eingemeindung könnte als Forchers "Morgengabe" an Ebingen verstanden werden.

Aber nicht nur deshalb waren viele Lautlinger nicht sehrbegeistert von den Eingemeindungsplänen: Blättert man in den Zeitungen von damals, erkennt man, dass die Lautlinger Angst hatten, ihren Gemeindecharakter einzubüßen. Der Unmut machte sich vor allem in Leserbriefen Luft. "Die Wogen gingen zu dieser Zeit sehr hoch", berichtet Dorothea Reuter, Leiterin des Stadtarchivs.

Peter Josef Koller, späterer Ortsvorsteher von Lautlingen, war 1971 Neuankömmling in seinem neuen Heimatort – er kann sich an Widerstände und Unmut gut erinnern. "Die Ebinger waren immer die Herren gewesen, und die Lautlinger fanden immer, dass ihnen die Ebinger die Butter vom Brot nähmen". Entsprechend knapp fiel bei der Bürgeranhörung am 3. Oktober 1971 das Votum für die Eingliederung aus – 354 stimmten dafür, 300 dagegen. Am 1. Januar 1972 traten die Vereinbarungen zur Eingliederung der Gemeinde Lautlingen in Kraft. Am 23. März wurde der Eingliederungsvertrag unterzeichnet und am 1. Mai 1972 rechtswirksam.

Doch auch wenn anfangs nicht alle dafür waren, gefeiert wurde dennoch, und zwar am 15. Juni. Freilich machten die Lautlinger bei diesem Eingemeindungsfest noch einmal deutlich, dass sie stolz auf ihre Geschichte waren und sich für den Erhalt des Ortscharakters einsetzen wollten.

Nach 40 Jahren sind die Streitigkeiten weitgehend ausgestanden. "Wir sind schon irgendwie zusammengewachsen", meint Koller. Die Lautlinger Bevölkerung sei inzwischen eher "durchmischt", denn viele Bürger seien Zugezogene; allerdings gebe es noch immer etliche alte Konservative, die sich nicht wirklich als Albstädter fühlten. "Das Hinterherweinen ist aber vorbei. Und es läuft ja auch ganz gut, so wie es ist". Freilich, findet der ehemalige Ortsvorsteher, seien die Entscheidungswege zum Leidwesen der Lautlinger heute länger als früher. "Aber wir sind eine Stadt."

Die Versprechen wurden gehalten

Schlecht, so Koller sei es den Eyachtälern nach der Eingliederung nie gegangen. "Fast alle Punkte aus dem Vertrag sind realisiert worden". Er selbst habe diesen Vertrag während seiner Amtszeit oft studiert und darauf beharrt, dass die Versprechen eingehalten würden. Heute sei die ungewollte Eingliederung kein Reizthema mehr – es gebe andere Probleme. "Man muss sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Aber die Zukunft ist wichtiger."

Die Geschichte der Entstehung von Albstadt begann 1967. Die baden-wüttembergische Verwaltungsreform warf ihre Schatten voraus; Ebingen und Tailfingen arbeiteten bereits damals auf kommunaler Ebene zusammen – und die Stadtoberhäupter Hans Hoss und Horst Kiesecker waren sich darüber einig, dass es zur Gründung einer neuen Stadt kommen würde.

Bis zur Fusion sollten aber noch acht Jahre vergehen. Ihr gingen diverse Eingemeindungen voraus: Margrethausen kam 1971 zu Ebingen, Lautlingen 1972, Laufen am 1. Mai 1973. Bereits im Juli 1971 wurde Burgfelden nach Pfeffingen eingegliedert; die für 1973 geplante Eingemeindung von Pfeffingen nach Tailfingen scheiterte an den Bürgern, die ihre Selbständigkeit nicht aufgeben wollten.

Im Dezember 1973 war der Entwurf für den Gründungsvertrag der neuen Stadt fertig; am 17. März 1974 wurde in einem Bürgerentscheid über die Zukunft der Gemeinden entschieden. In Pfeffingen, Tailfingen und Onstmettingen votierte eine Mehrheit gegen Albstadt, doch aufgrund der geringen Wahlbeteiligung in Ebingen und Tailfingen blieb der Entscheid unwirksam. Die beiden Gemeinderäte sprachen sich für eine freiwillige Fusion aus; am 22. April 1974 wurde in der Truchtelfinger Festhalle der Gründungsvertrag unterschrieben.

Und so entstand am 1. Januar 1975 die Stadt Albstadt – mit Onstmettingen und Pfeffingen. So hatte es der Landtag im Juni 1974 beschlossen – und die beiden Gemeinden verzichteten auf eine Klage vor dem Staatsgerichtshof.

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