Albstadt Begehrte Perle
Schwarzwälder-Bote, 21.12.2012 20:08 Uhr
Foto: Schwarzwälder-Bote
Sind sie Fluch oder Segen? Diese Frage stellen wir Albstädter uns immer häufiger, je mehr von ihnen kommen. Die Rede ist von Touristen, die seit dem Erfolg der Traufgänge, der Premiumwanderwege, in Scharen zu uns pilgern.
Nun sollen es noch mehr werden, denn die Stadt plant Deutschlands zweiten und den ersten baden-württembergischen Winterpremiumwanderweg. Das heißt: Sie hat ihn schon geplant – geradewegs an jenen vorbei, die davon am stärksten betroffen sind, und zwar im doppelten Sinn. Burgfelden bekommt, gemessen an der Einwohnerzahl von 340, die meisten Wanderer ab. An manchen Sonntagen seien 200 Leute unterwegs, berichteten einige beim Informationsgespräch mit der Stadtverwaltung im Bürgerhaus. Und weil die Premiumwanderwege – ganz bewusst – auch durch die Orte führen, damit die Gastronomen von ihnen profitieren, ist es kein Wunder, dass sich die Burgfeldener zeitweise vorkommen wie in einem Museumsdorf voller Schaulustiger.
Besonders klug war es da nicht, weder den Ortschaftsrat noch die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins, in dem halb Burgfelden Mitglied ist, in die Planung des Winterpremiumwanderwegs mit einzubinden. Diesen Schuh müssen sich Kulturamtsleiter Martin Roscher, zuständig für den Tourismus, und seine Mitstreiter schon anziehen. Zumal sie die Burgfeldener brauchen, um die Wege in Schuss zu halten – ehrenamtlich, versteht sich.
Weil außerdem noch einer der geplanten Mountainbike-Rundwege über Burgfelden führen soll, sehen die Bürger dort harten Zeiten entgegen, wie sie im Bürgerhaus deutlich machten.
Die Medaille hat allerdings auch eine andere Seite. Darauf haben Oberbürgermeister Jürgen Gneveckow und die Stadträte Matthias Strähler und Willi Merkel zu Recht hingewiesen: Albstadt braucht den Tourismus, will die Stadt nicht auf Dauer alleine von der Industrie, von Handwerksbetrieben und Einzelhändlern abhängig sein. Und selbst sie profitieren, denn wo eine gut ausgebaute Infrastruktur den Freizeitwert erhöht, dort arbeiten auch jene Fachkräfte lieber, die Betriebe wie Groz Beckert, Gühring, Mayer & Cie. dringend brauchen, um weiter oben mitzumischen.
Noch einen Vorteil hat es für alle Albstädter, wenn die Stadt durch ihrer Erfolge im Wandertourismus bekannt wird: Das Image profitiert. Manche mögen das für einen oberflächlichen Aspekt halten. Doch wer hat sich noch nicht darüber geärgert, dass die kleineren Nachbarstädte Balingen und Hechingen deutschlandweit ein Begriff sind, während viele, wenn sie "Albstadt" hören, den Kopf schütteln. "Südlich von Stuttgart" lautet nicht nur der Name einer bekannten Albstädter Band, sondern auch die häufigste Erklärung, wo Albstadt überhaupt liegt.
In Zukunft wird sie also seltener nötig sein, denn – so zeigt eine Befragung unter den Wandertouristen: Wer einmal in Albstadt gewandert ist, kommt gerne wieder und empfiehlt das auch anderen.
Den Burgfeldenern ist das freilich kein Trost, wenn am Wochenende Völkerwanderungen einsetzen, Parkplätze überfüllt sind und die Ruhe vorbei ist. Vielleicht hilft es ihnen jedoch, sich in die Lage anderer Albstädter zu versetzen: der Anwohner der Truchtelfinger Konrad-Adenauer-Straße etwa, vor deren Haustür schon früh morgens ein Beton-Mischwerk klappert; der Anwohner in den Innenstädten, wenn sie mal wieder von den Schranken eines Sportereignisses aus- oder eingesperrt werden; oder der Anwohner der Raserstrecken an Ortsrändern. Außerdem: Viele Gäste sind auch ein Kompliment für Burgfelden, den schönsten Albstädter Stadtteil.



Burgfeldens Lohn = recht kleine Münze
Frau Eyrichs Kommentar kann man streckenweise recht gut und zustimmend folgen. Am Ende wird aber doch klar: Der Lohn für die Burgfelder Bürger für die absehbare Belastung durch die zusätzliche Touri-Belastung ist doch recht klein gemünzt und zugesprochener Trost nur taub aber nicht aufbauend. So reicht die Konrad-Adenauer-Straße in Truchtelfingen wohl von der südlichen Ortsteil-Grenze gegen Ebingen bis zur Grenze gegen Tailfingen. Es wird im Ernst aber niemand behaupten wollen, das Klappern des Beton-Mischwerks sei über die ganze Distanz hinweg wahrzunehmen. Trefflicher wäre gewesen, die Belastung für die Truchtelfinger Bevölkerung durch die im Talgrund verlaufende Hauptstraße mit derjenigen in eins zu setzen, die auf die Burgfelder durch die Ausweitung des Touri-Verkehrs zukommt: Zweihundert Dorfbewohner, denen ganzjährig die dörfliche Ruhe durch die zahllosen (Tages-)Touristen genommen wird. Ein ähnliches Mißverhältnis läßt sich auch für den 'Trost' der gelegentlichen, mal hier mal dort in der Stadt stattfindenden Sport- und Festereignisse im Vergleich zu der zu erwartenden saison-langen Strapaze des Touri-Stroms in Burgfelden konstatieren. Diese Sucht nach weiterem touristischem Aufschluss läßt außer Acht, dass eben damit auch der ganz spezielle Reiz der Albstädter Alb preisgegeben wird. Die Touri-Manager der Stadt profilieren sich damit explizit als die Totengräber der Albstädter Touristik und erwarten zusätzlich, dass die Burgfelder Bürger und die Ehrenamtlichen des Albvereins sich daran auch noch beteiligen sollen. Albstadts touristischer Reiz und Ruhm leben jedenfalls bisher noch davon, dass die Gäste sich nicht davor fürchten müssen, auf jedem Wald- oder Wiesenpfad von ungehemmtem Bikerstrieb umgenietet zu werden.