Sind sie Fluch oder Segen? Diese Frage stellen wir Albstädter uns immer häufiger, je mehr von ihnen kommen. Die Rede ist von Touristen, die seit dem Erfolg der Traufgänge, der Premiumwanderwege, in Scharen zu uns pilgern.

Nun sollen es noch mehr werden, denn die Stadt plant Deutschlands zweiten und den ersten baden-württembergischen Winterpremiumwanderweg. Das heißt: Sie hat ihn schon geplant – geradewegs an jenen vorbei, die davon am stärksten betroffen sind, und zwar im doppelten Sinn. Burgfelden bekommt, gemessen an der Einwohnerzahl von 340, die meisten Wanderer ab. An manchen Sonntagen seien 200 Leute unterwegs, berichteten einige beim Informationsgespräch mit der Stadtverwaltung im Bürgerhaus. Und weil die Premiumwanderwege – ganz bewusst – auch durch die Orte führen, damit die Gastronomen von ihnen profitieren, ist es kein Wunder, dass sich die Burgfeldener zeitweise vorkommen wie in einem Museumsdorf voller Schaulustiger.

Besonders klug war es da nicht, weder den Ortschaftsrat noch die Ortsgruppe des Schwäbischen Albvereins, in dem halb Burgfelden Mitglied ist, in die Planung des Winterpremiumwanderwegs mit einzubinden. Diesen Schuh müssen sich Kulturamtsleiter Martin Roscher, zuständig für den Tourismus, und seine Mitstreiter schon anziehen. Zumal sie die Burgfeldener brauchen, um die Wege in Schuss zu halten – ehrenamtlich, versteht sich.

Weil außerdem noch einer der geplanten Mountainbike-Rundwege über Burgfelden führen soll, sehen die Bürger dort harten Zeiten entgegen, wie sie im Bürgerhaus deutlich machten.

Die Medaille hat allerdings auch eine andere Seite. Darauf haben Oberbürgermeister Jürgen Gneveckow und die Stadträte Matthias Strähler und Willi Merkel zu Recht hingewiesen: Albstadt braucht den Tourismus, will die Stadt nicht auf Dauer alleine von der Industrie, von Handwerksbetrieben und Einzelhändlern abhängig sein. Und selbst sie profitieren, denn wo eine gut ausgebaute Infrastruktur den Freizeitwert erhöht, dort arbeiten auch jene Fachkräfte lieber, die Betriebe wie Groz Beckert, Gühring, Mayer & Cie. dringend brauchen, um weiter oben mitzumischen.

Noch einen Vorteil hat es für alle Albstädter, wenn die Stadt durch ihrer Erfolge im Wandertourismus bekannt wird: Das Image profitiert. Manche mögen das für einen oberflächlichen Aspekt halten. Doch wer hat sich noch nicht darüber geärgert, dass die kleineren Nachbarstädte Balingen und Hechingen deutschlandweit ein Begriff sind, während viele, wenn sie "Albstadt" hören, den Kopf schütteln. "Südlich von Stuttgart" lautet nicht nur der Name einer bekannten Albstädter Band, sondern auch die häufigste Erklärung, wo Albstadt überhaupt liegt.

In Zukunft wird sie also seltener nötig sein, denn – so zeigt eine Befragung unter den Wandertouristen: Wer einmal in Albstadt gewandert ist, kommt gerne wieder und empfiehlt das auch anderen.

Den Burgfeldenern ist das freilich kein Trost, wenn am Wochenende Völkerwanderungen einsetzen, Parkplätze überfüllt sind und die Ruhe vorbei ist. Vielleicht hilft es ihnen jedoch, sich in die Lage anderer Albstädter zu versetzen: der Anwohner der Truchtelfinger Konrad-Adenauer-Straße etwa, vor deren Haustür schon früh morgens ein Beton-Mischwerk klappert; der Anwohner in den Innenstädten, wenn sie mal wieder von den Schranken eines Sportereignisses aus- oder eingesperrt werden; oder der Anwohner der Raserstrecken an Ortsrändern. Außerdem: Viele Gäste sind auch ein Kompliment für Burgfelden, den schönsten Albstädter Stadtteil.