Stuttgart - Auf den ersten Blick erkennt man Armut nicht immer. Die Familie, die wir während unserer Spendenaktion besucht haben, lebt in einer ordentlichen Wohnung und legt Wert auf einen ordentlichen Auftritt. Lediglich das Mobiliar lässt darauf schließen, dass man sich vor vielen Jahren beim Kauf beschränkt hat.

Nach den ersten Fragen, der kleinen Ermunterung, frei von der Leber weg zu erzählen, offenbart sich das Ausmaß der Bedürftigkeit. Vier Familienmitglieder leben von kleinem Einkommen, das Monat für Monat nur die blanken Lebenshaltungskosten deckt. Unglückliche Umstände haben dazu geführt, dass der Familienvorstand nicht mehr weiterweiß. Die Wohnung ist wegen Mietrückständen in Gefahr, das Geld fürs Schullandheim des Sohnes kann nicht mehr überwiesen werden. Um Zuschüsse aus dem Sozialfonds der Schule wollen die Eltern aus Scham nicht bitten, und an die Aktion Weihnachten haben sie sich nur dank der Überredungskunst einer Betreuerin gewandt.

Dieser eine Fall steht für eine Vielzahl von Schicksalen, die uns in diesem Advent begegnet sind. Und wie in diesem Fall haben wir uns zuerst darum bemüht, dort Leistungen zu beantragen, wo Stadt, Land oder Bund zum Zahlen verpflichtet waren.

Doch für viele Leistungen, die Bedürftigen wieder Lebensmut geben und über eine Durststrecke hinweghelfen können, fühlt sich meistens niemand zuständig. Für gestiegene Energiekosten zum Beispiel oder hohe Zuzahlungen bei der medizinischen Versorgung.

Aufmunternde Anrufe

Die Schar der Betroffenen wird größer. Dies unterstreicht die steigende Armutsgefährdung, die der Paritätische Wohlfahrtsverband vor wenigen Tagen mit Zahlen belegt hat. Das Risiko, unter die Armutsgrenze zu fallen, steigt trotz sinkender Arbeits­losigkeit und sinkender Hartz-IV-Quoten. Ursachen dafür sind nichtauskömmliche ­Beschäftigungsverhältnisse und steigende Kosten – auch hier im Land. Wie vielfältig die Bedürfnisse bei uns in Stuttgart und der Region sind, haben wir in den vergangenen vier Wochen Tag für Tag geschildert.

Wir haben erneut darauf gehofft, dass auch unsere Leser helfen wollen, und wurden nicht enttäuscht. Zahlreiche Einzelspenden, vom Fünf-Euro-Betrag bis hin zu dreistelligen Summen, gingen täglich mehrfach auf unseren Spendenkonten ein. Aufmunternde Anrufe erreichten uns, telefonische oder schriftliche Angebote für Möbel, Küchengeräte oder andere Dinge des täglichen Bedarfs, die Sozialarbeiter an ihre Klienten vermittelt haben.

Überraschend sind für uns jedes Jahr aufs Neue das Engagement und die Fantasie ­vieler Stuttgarter, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten vielfältige Aktionen ins Leben ­rufen, um zu helfen. In Heslach veranstalteten vier Herren ein Jazzfrühstück, und ­Rudolf Stetter, Schreinermeister aus Hofen, ist uns seit vielen Jahren treu und warb an seinem Stand auf dem Fellbacher Weihnachtsmarkt um Spenden. Auf der Messe Dekumo ­verkaufte Rainer Schechinger ­T-Shirts aus seiner Sammlung sowie sein Buch und erlöste – auch unter Mithilfe seiner Freunde – den stattlichen Betrag von 2300 Euro für die Aktion Weihnachten.

Porsche stiftete 2000 Euro

Zahlreiche Firmen in Stuttgart und der Region fühlen sich der Aktion verbunden. Den Auftakt machte die Sparda-Bank mit der größten Einzelspende in Höhe von 25.000 Euro. Das Kunstkontor des Deutschen Sparkassenverlags verkaufte Kunstwerke zu unseren Gunsten im Wert von mehr als 2000 Euro.Die Baden-Württembergische Bank fördert uns durch die Übernahme von Druckkosten für die Überweisungsträger und Zahlscheine, zudem überwies das Haus 5000 Euro an Spenden. Porsche stiftete 2000 Euro, die Firma Bosch 3000 Euro, die Staatliche Toto-Lotto GmbH, die Bäckerei Treiber und viele andere Unternehmen überwiesen alles in allem weitere Tausende Euro, und auch die Volksbanken in Stuttgart und Ludwigsburg ließen uns große Beträge zukommen. Eine schöne Bescherung war in diesem Jahr die Einladung der EnBW zur Scheckübergabe am Fasanenhof, wo wir 7500 Euro in Empfang nehmen durften.

Dies alles ist nicht selbstverständlich und deshalb einen großen, herzlichen Dank wert. Nun können wir vielen alten Menschen mit einer Minirente, vielen Familien mit zu ­kleinen Einkommen, vielen kranken und behinderten Menschen eine große Weihnachtsfreude machen und mit gutem Gefühl sagen: Der Heiligabend kann kommen!