
Oberndorf - »Verbo incarnato« setzt ein Schriftzug hoch über den Geburtstagsgästen des Schwarzwälder Boten an, aufgemalt auf die Decke der Oberndorfer Klosterkirche. Fleischgewordenes Wort. Wie passend, mag sich mancher Gast denken. Denn aus dem Altarbereich trommelt das Ensemble der Akademie für gesprochenes Wort mit eben solchen auf die Ohren der Festgesellschaft ein. Wie fleischgewordene Wörter eben.
Ganz in Schwarz, rotes Tuch und rote Kette hier, rote Mütze dort, so texten die drei Frauen und vier Männer los. Mit Aischylos, dem »Urahn des Schwarzwälder Boten«, und dem wohl ältesten Drama der Welt »Die Perser« beginnt der Stimmenteppich die Erzählung einer legendären Schlacht. Zugegeben, die ist wesentlich älter als die schon stolzen 175 Jahre, für die der Schwarzwälder Bote hier von Politikern, Unternehmern, Künstlern und vielen anderen, dem Hause verbundenen Persönlichkeiten gefeiert wird.
Doch wie die Griechen, die entgegen allen Erwartungen des persischen Heeres nicht die Flucht wählen, sondern sich in den Kampf stürzen, hat auch der Schwarzwälder Bote nie den Weg des geringsten Widerstands gewählt: Ob der Gründer, Wilhelm Brandecker, dessen Projekt eines »Amts- und Intelligenzblatts« von höherer Stelle zunächst abgewiesen wurde oder der immer enger werdende Zeitungsmarkt der Gegenwart – der Schwarzwälder Bote stellt sich seinen Herausforderungen.
Die größte Herausforderung ist und bleibt aber wohl das Kernanliegen, den Lesern Wissen zu vermitteln. Doch »Was heißt ›ich weiß‹?«, fragen die Wortkünstler vorne auf der Bühne dazwischen. Gewiss ist, dass wir nichts wissen, dass ein Hammer genauso gut ein Dirigentenstock, ein Fleischklopfer, ein Dosenöffner sein könnte, dass die Gewissheit eine subjektive ist, nicht aber das Wissen.
Die Künstler takten ihre Worte gegeneinander, durcheinander, nacheinander und raten »zu Nebenwirkungen fragen sie Ihren Arzt und an der Theke«. Nach acht Minuten beenden sie ihr Stück »Gewissheit: Versichert sein...« – sichtlich zufrieden, eine gewisse Verwirrung gestiftet zu haben.
Erleichtertes Lachen erntet da das Geburtstagsständchen zu Mozarts Alla Turca: »Ja, der Schwarzwälder Bote ist ein Muss zum Frühstücksbrote, alles steht zu Gebote, was geschieht im Jetzt und Hier.« Das hört der Jubilar doch gerne. Und fühlt sich auch hübsch getroffen, als die Wortakademiker singen: »Singt der Chor in Brittheim wieder eines seiner Frühlingslieder? Blüht in Täbingen der Flieder? Lässt sich wer in Sulgen nieder? Gibt’s in Oberndorf ‘nen neuen Fasnetsumzug einzuweihen, kann man wo ‘ne Maske leihen? Hier wird es gesagt.«
»Ist der Bote gleich zur Stelle, naht sich eine Monsterwelle oder Doktor Westerwelle«, texten die Sprechkünstler weiter und erfreuen nun so ziemlich alle Gäste. Chefredakteur Klaus Siegmeier dankt den Stuttgarter Künstlern für ihr erfrischendes Rahmenprogramm: »Das ist mal was anderes: Singen mit dem Schwarzwälder Boten.«